„I feel a rainbow is a better peace symbol than a dove“ - Otto Pienes Regenbogen als zeitgenössisches und universales Friedenssymbol
Kriegserfahrung
„Die Vorzeichen waren umgedreht. Dunkel war schön und hell nicht schön. Dunkel bedeutete Geborgenheit und hell Gefahr und Farbe ein entdeckendes, ein enthüllendes, ein gefahrbringendes Moment und Unfarbe Schutz.“[1]
Mit diesen Worten umschrieb Otto Piene 1973, welche negativen Erfahrungen er mit Licht und Farbe verband. So erlebte Piene im Alter von 14 bis 18 Jahren den Zweiten Weltkrieg als Kindersoldat.[2] In der Nacht mussten Häuser und Straßen zum Schutz vor Luftangriffen verdunkelt werden.[3] Ein andauernder Zustand, der sich in das Gedächtnis Pienes eingeprägt hatte.[4] Seine lebenslange und intensive Beschäftigung mit Licht erscheint daher auf den ersten Blick verwunderlich. Doch für Piene manifestierte sich hierin als Künstler ein „Bemühen, aus dem Dreck, dem Schutt, dem aufgezwungenen Drama herauszukommen in eine reinere heilere Welt“.[5]
Als eine der Schlüsselfiguren und wichtigsten Theoretiker, der sich in den Nachkriegsjahren formierenden Gruppe Zero (1957), suchte Piene nach einer zukunftsweisenden und optimistischeren Konzeption der Kunst, als die in den 1950er Jahren verbreitete künstlerische Haltung des Informel[6] und Tachismus.[7] Deren Verwendung einer dunkleren Farbpalette wurde als rückwärtsgewandte und emotionale Beschäftigung mit dem noch präsenten Kriegserfahrungen gedeutet.[8] Zero bedeutete für Piene einen Anstoß, die Kunst und das kulturelle Leben neu zu konstituieren. Im Sinne einer Aufarbeitung der Vergangenheit sollte mit alten Traditionen gebrochen und neue Grundlagen der Gestaltung gefunden werden. Mit Hilfe einer neuen Ausrichtung der Kunst sollte eine bessere Welt erschaffen werden.[9]
Im Fokus standen für Piene hier insbesondere der Umgang mit ursprünglichen Elementen wie Feuer, Erde, Luft und Licht, die er als künstlerische Materialien nutzte. Mit diesem Rückgriff sollte der Entfremdung in den Nachkriegsjahren etwas entgegen gesetzt werden.[10] Insbesondere in seiner Beschäftigung mit Licht, welche, so Hannah Weitemeier, allen seinen facettenreichen Werken zu Grunde liege,[11] stelle für Piene eine Möglichkeit dar, das Dunkel wortwörtlich zu durchleuchten und ihm zumindest sinnbildhaft seinen Schrecken zu nehmen.[12]
Das Licht, das für Piene und vermutlich viele Menschen während der Kriegsjahre ein Moment der Gefahr bedeutete, sollte wieder ins öffentliche und private Leben zurückgeführt werden.[13] So bezeichnete Piene selbst das Licht, welches sich in seinen berühmten „Lichtballetten“, seiner „Sky Art“ oder in der Lichtinstallation „Silberne Frequenz“ (Außenwand des LWL-Museums für Kunst und Kultur, Münster) wiederfindet, als „Stoff der Hoffnung“.[14] Licht wurde für Piene ein Zeichen für einen kulturellen Neuanfang nach dem Nationalsozialismus und für den Frieden.[15]
Das Motiv des Regenbogens
Otto Pienes Grafikmappe PAX (erschienen in insgesamt 55 Auflagen) entstand zwischen 1969 und 1970 und umfasst elf Blätter. Das erste Blatt mit dem Titel „Zero“ (Abb. 2) zeigt oberhalb von Baumkronen einen Kondensstreifen am Himmel in Form einer Null. Der Begriff Zero wird hier versinnbildlicht, liest der/die Betrachter_in eine Null aus der Himmelsfigur, die an Events der Gruppe Zero oder der von Piene später konzipierten Sky Art erinnert. Darauf folgen Blatt 2 und 3 mit den Titeln „Nacht“ (Abb. 1) und „Tag“ (Abb. 3), die in der diesjährigen Friedensausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in der Sektion „Symbole des Friedens“ zu sehen sein werden. Das jeweils obere Drittel der Bilder ist von einem Regenbogen durchzogen. Nacht und Tag sind ohne erkennbare Räumlichkeit, vereinfacht als schwarze und weiße Fläche dargestellt. Die darauffolgenden Drucke zeigen ebenfalls Regenbögen in schablonenhafter Abbildung, die über Bauwerken zu schweben scheinen. Diese sind in grellen und satten Farben gestaltet und orientieren sich an den Farben des Regenbogens (rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett). Die Farbabfolge der jeweiligen Regenbögen wurde hingegen umgekehrt.
Bis auf eine Ausnahme, Blatt 4 mit dem Mont Saint-Michel (Abb. 4), zeigen die übrigen Blätter jeweils eine Weltmetropole: Moskau, Rio de Janeiro, Bangkok, New York, Rom, Paris und Athen. Es handelt sich um berühmte Bauwerke von Hauptstädten, wie die Basilius- Kathedrale in Moskau, der Athener Akropolis, dem Christo Redentor in Rio de Janeiro oder dem Petersdom in Rom. Bis auf die New Yorker Skyline und dem Großen Palast in Bangkok wurden alle Wahrzeichen später (d.h. nach dem Erscheinen der Grafikmappe) durch die UNESCO (Welterbekonvention 1972[16]) zu Weltkulturerben ernannt.
Bisher wurde die Grafikmappe in der kunsthistorischen Forschung wenig beachtet. Dies führt dazu, nach Anknüpfungspunkten in Pienes Œuvre zu suchen, was, so Joachim Jäger, nicht zuletzt durch seine notwendige Beziehung zum Sonnenlicht, ein ergiebiges Themenfeld darstellt.[17]
Zuvor soll jedoch ein kleiner Einblick bzw. Rückblick in das Motiv des Regenbogens als kunsthistorisches sowie gesellschaftliches Themenfeld gegeben werden. In der westlich-zentrierten Kunstgeschichte riefen die Rätsel um das Naturphänomen, aber auch seine ästhetischen Qualitäten, eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Regenbogen zu verschiedenen Zeiten hervor.[18] Bei Rubens finden sich beispielsweise mehrere Regenbogenlandschaften. Um 1610 bezog er den Regenbogen in seine figürlichen Sujets mit ein. In dem Bild „Juno und Argus“ wird er als Allegorie der Optik und Farbenlehre gedeutet. Für die Künstler der Romantik war der Regenbogen eine Möglichkeit, das ebenbürtige Nebeneinander von Natur und Kunst darzustellen und die eigene Beobachtungsgabe und Kunstfertigkeit zu demonstrieren.[19]
Ein weiterer Bezug, der sich im Kontext der Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ erschließt, besteht in der Assoziation mit der biblischen Geschichte der Arche Noah, in dem der Regenbogen nach der Sintflut den erneuten Bund und Frieden zwischen Gott und den Menschen symbolisiert.[20] Auch für Piene spielte diese Verknüpfung eine wichtige Rolle, so erklärt er in einem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist:
Dass ich den Regenbogen machte, war eben quasi der Einschluss von biblischen Symbolen, denn der Regenbogen ist auch ein biblisches Symbol und damit ein internationales Symbol von seriösem Gewicht. Daraus wurde unter anderem eine neue Kunstform, die Sky Art, die also nicht nur mit Helium und Regenbogen gemacht wurde, sondern auch mit viel neuer Technologie.[21]
Als ursprünglich christliches Friedenssymbol wurden die sieben Farben des Regenbogens (in ihrer Abfolge, bedingt durch die prismatische Lichtbrechung) aber auch außerhalb der biblischen Geschichte verwendet. Vielmehr etablierte sich die Darstellung des Regenbogens als Friedenssymbol schlechthin und ist darüber hinaus ein häufig kommerzialisiertes Motiv.[22] Der Regenbogen ist nicht mehr zwangsläufig mit der Geschichte der Arche Noah verbunden und scheint sich verselbstständigt zu haben. Weit bekannt wird die des amerikanischen Künstler und Designer Gilbert Baker entworfene Regenbogenfahne sein, die dieser für den Gay Freedom Day 1978 entwarf und die seither ein Symbol gegen die Diskriminierung und für die Gleichberechtigung von Homosexuellen ist.[23]
Hierbei muss allerdings erwähnt werden, dass der Regenbogen, entgegen Pienes Aussage, nicht in allen Kulturen positiv besetzt ist. So stellt der Regenbogen, um nur einen kleinen Einblick zu geben, beispielsweise für indigene Gruppen Nordamerikas den Pfad zum Tod oder für die Ureinwohner_innen Kuala Lumpurs eine riesige und unheilbringende Schlange dar.[24]
Sky Art und die Ästhetik des Regenbogens
Wie Piene selbst verdeutlichte, führt die Spur des Regenbogens in seinem Œuvre zu der von ihm konzipierten Kunstform der sogenannten Sky Art. Diese kann als Hauptbegriff für seine künstlerischen Aktivitäten ab den 1960er Jahren verstanden werden, die insbesondere mit seiner Übersiedlung in die USA 1964 sowie seiner Lehrtätigkeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zusammenhängen. 1974 wurde Piene zum Direktor des Center for Advanced Visual Studies (CAVS) ernannt, welches sich mit künstlerischen Projekten im Bereich der Technologie und Wissenschaft befasst. Durch die neuen Möglichkeiten, die das MIT als eine der renommiertesten Technischen Universitäten bot,[25] konnte Piene seine bereits in der Phase der Zero-Gruppe formulierten Ideen, den künstlerischen Raum zu erweitern, vorantreiben und umsetzen. Seine riesigen, teils immateriellen und durch Druckluft betätigten Skulpturen, sind als Kombination aus partizipativen und umgebungsbedingten Performances, Installationen sowie Events im öffentlichen Raum zu umschreiben.[26] Durch den Einsatz der Technik die physischen Grenzen der Kunst auszudehnen, sollte auch mithilfe des von Piene entworfenen „Olympia-Regenbogens“ (Abb. 5) gelingen, der während der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 1972 in München über das Stadion gespannt wurde.[27] Für Piene stellte dies eines der wichtigsten Ereignisse seines Lebens dar:
Es war fast so wichtig für mich wie der Zweite Weltkrieg. In meinen Augen erhöhte es die Bedeutung öffentlicher Kunst und pazifistischer Demonstrationen, die sich wirklich auf den Kampf um die Werte des Lebens beziehen.[28]
Der 460 Meter lange, 125 Meter hohe und 5 Meter breite Regenbogen aus Polyethylen-Schläuchen, die in den fünf Farben der Olympischen Ringe gestaltet waren, wurde mit insgesamt 600 Glühbirnen in den Himmel gespannt und mit 60 zusätzlichen Tageslichtscheinwerfern beleuchtet.[29]
Der Himmel als neu ausgeloteter Kunstraum besaß für Pienes Kunstverständnis zentrale Bedeutung. Seine nahezu als utopisch zu verstehende Schrift „Wege zum Paradies“ aus dem Jahr 1961 kann als Quelle für diese herangezogen werden. Bereits der Epilog verdeutlicht, dass Piene „von einer besseren Welt“[30] träumte:
Mein höherer Traum betrifft die Projektion des Lichts in den großen Nachthimmel, das Ertasten des Universums, so wie es sich dem Licht bietet, unberührt, ohne Hindernisse – der Luftraum ist der einzige, der dem Menschen fast unbegrenzte Freiheit bietet (Warum machen wir keine Kunst für den Luftraum, keine Ausstellungen im Himmel?) […] Wir haben es bisher dem Krieg überlassen, ein naives Lichtballett für den Nachthimmel zu ersinnen, wie wir es ihm überlassen haben, den Himmel mit farbigen Zeichen und künstlichen und provozierten Feuersbrünsten zu illuminieren.[31]
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Abb. 5: Otto Piene, Olympia Regenbogen, München, 1972,
Beleuchtung des Fernsehturms in den Olympiafarben.
Quelle: Münster 2015, S.
197.
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Als Flakhelfer war der Himmel für Piene als Teil der Kriegslandschaft definiert.[32] Die Ortsauswahl des Olympia-Stadion kann gleichzeitig an Albert Sperrs „Lichtdom“ über dem Berliner Olympia-Stadion 1937 erinnern, den der Architekt für einen Besuch Benito Mussolinis entwarf. Die Lichtinszenierung, die um das Stadion herum und in den Himmel strahlte, wurde nicht zuletzt als nationalsozialistisches Propagandainstrument eingesetzt.[33]
Die Sky Art kann als Versuch Pienes verstanden werden, den Luftraum positiv und neu zu besetzen. Indessen spielten Licht und Farbe unweigerlich die zentralste Rolle. Dunkelheit sollte durchflutet werden, die Kunst und der menschliche Lebensraum grenzenlos.[34] Der Regenbogen vereinte für Piene mehrere wichtige Eigenschaften in sich, die eine Erstellung als Kunstwerk ermöglichten: das Phänomen Regenbogen ist ein Naturereignis, das durch Lichtbrechung farbig erscheint, und die einfache Formgebung eignete sich optimal für einen vergrößerten Maßstab. In der Sky Art verband sich für Piene die Ausdehnung des menschlichen Lebens- bzw. Kunstraums im Sinne eines Protests gegen kriegerische Zerstörung des Himmels, seines Missbrauchs durch die Technik und Propaganda, die er selbst dort während der Kriegsjahre erfahren hatte. In diesem Sinne ist es nicht überraschend, dass Piene das Angebot einer finanziellen Unterstützung für eine seiner insgesamt viermal veranstalteten Sky Art Conferences durch einen Waffenhersteller abgelehnt hat.[35]
Die Symbolkraft des Olympia-Regenbogens wurde zusätzlich durch einen tagesaktuellen Bezug verstärkt. Wenige Tage vor der Abschlusszeremonie verübte die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“, ein Attentat auf die israelische Sportmannschaft. Elf Geiseln sowie fünf Geiselnehmer und ein Polizist kamen ums Leben.[36]
Eng mit den Sky Art-Projekten verbunden war das anti-elitäre und anti-institutionelle Kunstverständnis Pienes. Neue durch die Technologie ermöglichte Kunstformen sollten sich an den zeitgenössischen Bedürfnissen der Menschen orientieren und den subjektiven Ausdruck des Künstlers zugunsten einer kollektiven Nutzbarmachung unterbinden. Die Sky Art erlaubte es, Kunst nicht nur öffentlich, sondern vielen Menschen gleichzeitig zugänglich zu machen. So nahmen 400.000 Menschen an der Abschlusszeremonie teil, und 350-500 Millionen Zuschauer konnten das Ereignis via Satellit live im Fernsehen mitverfolgen.[37] Der Regenbogen schlug im übertragenen Sinn eine Brücke zwischen den Menschen und der Kunst. In den Himmel gespannt, schuf er einen Dialog zwischen den Betracher_innen, der Natur und Umgebung sowie der Technik. Die Metapher des Regenbogens wurde von Piene in den realen Raum hinein übersetzt.[38] „In diesem Himmel“, führt Piene in seinem Aufsatz fort, „ist das Paradies auf Erden.[39]
Neben den erwähnten Aspekten sind sowohl die Sky Art als auch der Olympia-Regenbogen flüchtige Erscheinungen. Wie Piene selbst 1973 formulierte, ist dies etwas was ihn
von Anfang an interessiert hat: die Flüchtigkeit der Erscheinungen, bleibend durch Wiederholung in Variationen, mehr als das statisch Bleibende. […] die schönsten Erscheinungen, mit denen wir zu tun haben […] sind alles flüchtige Erscheinungen, Erscheinungen ohne statische, physisch-schwerkräftige Dauer. Desgleichen die berühmten Erscheinungen, die jeden erregen, wenn er ihnen ausgesetzt ist, wenn er ihnen gegenübersteht, wie das Nordlicht.[40]
Die Malerei hingegen versteht Piene als „begrenztes Feld“, da diese durch die Farbenhersteller, Pinsel und Leinwände stets bereits determiniert seien.[41] Im Hinblick auf die Grafikmappe, stellt sich die Frage, wie diese vor dem Hintergrund der Sky Art und Pienes Intentionen zu deuten sind.
Aufschlussreiche Anknüpfungspunkte können hier wiederum die Schriften von Otto Piene bieten. Besonders aufschlussreich ist sein im Jahr 1970 verfasstes Buch „More Sky“. Dieses ist laut Udo Kittelmann und Joachim Jäger als Manifest zu verstehen, welches Pienes Utopie einer besseren Welt durch die Expansion der Kunst in den Himmel aufzeichne.[42] Während der erste Teil des Buches assoziative Gedanken und Skizzen Pienes über verschiedene Themenbereiche in alphabetischer Reihenfolge von A wie „Art“ bis zu M wie „Moonscape“ festhält, enthält der zweite Teil ein „Wind Manual“ (Wind-Handbuch), welches konkrete Gebrauchsanweisungen für eine sinnvollere Nutzung des Himmels und des Windes – statt der Nutzung im Krieg – liefert.[43]
Unter dem Stichwort „Graphics“ beschreibt Piene, dass Grafiken durchaus nützlich seien, um Ideen, Gefühle und Fantasien auszudrücken. Fortgeschrittene Drucktechniken erleichtern zudem den Austausch zwischen dem Künstler und seinem Publikum, nicht zuletzt durch ihre finanzielle Erschwinglichkeit. Darüber hinaus eignen sich Grafiken durch ihre oftmals vereinfachten Abbildungen als politische Poster und sollten im Gegensatz zu den manipulativen Propagandaversuchen der Nationalsozialisten keine Halbwahrheiten präsentieren. Eine einfache Illustration findet sich direkt unter dem Abschnitt. Eine schwarz geschwungene Linie, die von den Begriffen „RED ORANGE YELLOW GREEN BLUE INDIGO PURPLE“ umgeben ist (Abb. 6), lässt erkennen, dass es sich hierbei um einen Regenbogen handelt. Zudem kommentiert Piene oberhalb der Skizze: „I feel a rainbow is a better peace symbol than a dove, as doves tend to be drawn in black and white.“[44]
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Abb. 6: Otto Piene, „Graphics“, aus: More Sky, 1970. Quelle:
Piene 2014, S. 94.
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Vermutlich ist es dem skizzenhaften Charakter des ersten Buchteils geschuldet, dass Piene den Regenbogen in Schwarz-Weiß zeichnet und die Farbbezeichnungen ergänzt. Dennoch verdeutlicht die Aufzählung der sieben Spektralfarben, welche Wichtigkeit diese für Piene besessen haben müssen. Unter dem Abschnitt „Colouring“ erläutert Piene, dass er natürliche Farberscheinungen als wesentlich gesünder betrachte, im Gegensatz zu materiellen Pigmenten. Und er führt weiter aus: „The age of the pigment appears to be an epoch in art that is coming to a close.“[45] So verwundert es nicht, dass die zerlegten Farben in derselben Reihenfolge in den leuchtenden Siebdrucken der Grafikmappe PAX wiederzufinden sind.
Philip Fisher führt in seiner 1998 erschienen Publikation über die Ästhetik von seltenen Naturerscheinungen aus, dass der Reiz des Regenbogens in der Materielosigkeit liegt, während sich Luxusgüter gerade durch ein bestimmtes kostbares und fassbares Material auszeichnen.[46] Das Lichtphänomen entsteht zudem lediglich in einer bestimmten Konstellation zwischen Regentropfen, dem Auge der Betrachtenden sowie der Sonne. Im Regentropfen wird das Licht gebrochen und erreicht in einem Winkel von 42° das menschliche Auge.[47] Das aktive Sehen ist demnach unabdingbar.[48] Außerdem könnte Piene mit den grellen Siebdrucken, die unnatürlich wirken, Farben in ihrer natürlichen, durch das Licht bedingten Form dargestellt haben wollen.
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Abb. 7: Otto Piene, „My two Personal Flags“, aus: Wind
Manual (More Sky), 1970. Quelle: Piene 2014, S. 186.
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Der Regenbogen als politischer und symbolischer Friedensappell
Entgegen der flüchtigen Erscheinung des Olympia-Regenbogens, handelt es sich bei der Grafikmappe um bleibende Abbildungen. Welche Aufgabe bzw. Intention aber verband Piene mit den Grafiken? Im zweiten Teil seines Buches „More Sky“, dem „Wind Manual“, finden sich ähnliche Darstellungen eines Regenbogens, hier von Piene als „personal flags“ (Abb. 7) bezeichnet.[49] Einerseits ist die Grafikmappe das Resultat der Vergangenheitsaufarbeitung des Künstlers, und andererseits lassen sie sich auch als politisch motivierte Plakate lesen. Der Regenbogen, der diese Zusammenhänge symbolisiert, wurde in der Grafikserie dauerhaft dokumentiert und unterstreicht somit Pienes künstlerischen wie politischen Appell für eine liberale und friedvolle Gesellschaft. Wichtig hierbei war die Wahl eines international verständlichen Symbols, das durch seine physische Beschaffenheit mit dem Himmel, dem Licht und den Menschen verbunden werden kann. Da die Grafikserie zwei bis drei Jahre vor dem Olympia-Regenbogen entstanden ist, skizziert sie nicht nur die utopischen Ideen Pienes, sondern auch den durch die Technik ermöglichten Maßstabssprung in den real erfahrbaren Lebensraum der Menschen, der für Pienes Sky Art zentrale Wichtigkeit besaß.[50]
Die Abfolge der einzelnen Siebdrucke, beginnend mit der symbolischen Null und ihrer Referenz zur Gruppe Zero, gefolgt von Nacht und Tag als möglichem Verweis auf die Kriegserfahrungen Pienes und die in Reihenfolge der Regenbogenfarben gestalteten Städte und Bauwerke unterschiedlicher Religionen, zwischen denen die Regenbögen metaphorisch Brücken schlagen, können als künstlerische Parole – als Aufruf zum Frieden – gelesen werden. Gleichzeitig scheinen die Regenbögen sich schützend über die Städte zu spannen. Der Lebensraum der Menschen auf der Erde verbindet sich mit dem Paradies des Himmels – zumindest mit Hilfe der Kunst. Die Beobachtung, dass die Regenbögen – im Gegensatz zur Blattabfolge – entgegen der natürlichen Reihenfolge der Spektralfarben gestaltet wurden, lässt vermuten, dass der Regenbogen die durch den Krieg umgekehrten Vorzeichen wieder richtig stellen sollte.
Der Regenbogen als Friedenssymbol resultiert bei Piene aus dem Gegensatz von Krieg und Frieden und dem Verhältnis zum Licht. Während das Licht im Krieg mit materieller und physischer Zerstörung bzw. Traumatisierung verbunden war, scheint Piene den Frieden als einen flüchtigen und nicht fass- und haltbaren Zustand zu begreifen.
Die minimal lesbare Aufschrift „PAX“, die am oberen Rand der Drucke zu finden ist, mag indessen an Lorenzettis berühmte weiß gekleidete und zurückgelehnte Pax in der Allegorie der Guten Regierung (1338-39) im Palazzo Pubblico in Siena[51] oder an Pax-Darstellungen von Daumier erinnern, die ebenfalls in der Friedens-Ausstellung des LWL-Museums für Kunst und Kultur vertreten sein werden. Wie hier die Beschriftung in lateinischer bzw. französischer Sprache (Pax/Paix) der Identifikation der Friedenspersonifikation dient, scheint Piene diese, so eine Spekulation, adaptiert zu haben, um ein weiteres Mal die Symbolkraft des Regenbogens zu betonen. Wie Piene selbst postulierte, eignet sich der Regenbogen – letztlich überzeugender als eine Taube – als zeitgenössisches und universales Friedenssymbol.
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Christoph Zuschlag, Begriff, Geschichte, Konzeptionen, in: Informel. Zeichnung, Plastik, Malerei, Ausstellungskatalog, hg. von -Jürgen Schwalm/Ellen Schwinzer/Dirk Steimann, Kunsthalle Recklinghausen, Recklinghausen 2010; Märkisches Museum, Witen 2010; Gustav-Lübcke-Museum, Hamm 2010/2011, Bönen 2010.
[1] Piene 1973, S. 133.
[2] Vgl. ebd.
[3] Vgl. Jäger 2015, S. 18.
[4] Vgl. Piene 1973, S. 133.
[5] Vgl. ebd., S. 134.
[6] Das Informel ist durch eine künstlerische Haltung charakterisiert, die die geometrische Abstraktion sowie klassische Formprinzipien zu Gunsten eines prozessualen und offenen Mal-Aktes ablehnt. Vgl. Zuschlag 2010, S. 10.
[7] Vgl. Recklinghausen 1996, S. 190.
[8] Vgl. Ziegler 2013, S. 30.
[9] Vgl. Lukowicz 2015, S. 37.
[10] Vgl. Stecker 2015, S. 42-46.
[11] Vgl. Weitemeier 1996, S. 15.
[12] Vgl. Piene 2013, S. 63.
[13] Vgl. Jäger 2015, S. 18.
[14] Vgl. Engelbach 2003, S. 38.
[15] Vgl. Rennert 1996, S. 111.
[16] Vgl. UNESCO-Welterbekonvention 2017.
[17] Vgl. Jäger 2015, S. 18.
[18] Der Regenbogen als kunstgeschichtliches Motiv wurde in Überblickswerken behandelt. Vgl. Gage 2009 und Rother 1992.
[19] Vgl. Gage 2009, S. 95-102.
[20] Vgl. Chapeaurouge 1991, S. 132.
[21] Stecker 2015, S. 40.
[22] Vgl. Becker 2000, S. 240 – Lexikonartikel zu „Der Regenbogen“.
[23] Vgl. Spiegel Online 2017.
[24] Vgl. Loewenstein 1961, S. 31-32.
[25] Vgl. Wiese/Rennert 1996, S. 6.
[26] Vgl. Weibel/Beitin 2013, S. 9-10.
[27] Vgl. Russett 2008, S. 511-515.
[28] Gliobta 2011, S. 49.
[29] Vgl. Gerbing 1997, S. 101.
[30] Vgl. Piene 2013, S. 62.
[31] Ebd., S. 65.
[32] Vgl. Ziegler 2013, S. 31.
[33] Albert Sperr war zwischen 1937 und 1942 Generalbauinspektor in Berlin. Er setzte zahlreiche Bauvorhaben Adolf Hitlers um, die der nationalsozialistischen Machtrepräsentation dienten. Vgl.: Tesch 2016, S. 90-94.
[34] Piene 2013, S. 64.
[35] Vgl. Wißmann 1986, S. 20.
[36] Vgl. Spinner 2017.
[37] Vgl. Russett 2008, S. 512-518.
[38] Vgl. ebd., S. 513-518.
[39] Vgl. Piene 2013, S. 66.
[40] Piene 1973, S. 139.
[41] Vgl. Piene 1973, S. 137.
[42] Vgl. Piene 2014, Anm. der Herausgeber.
[43] Vgl. Piene 2014, vorderer und hinterer Einband.
[44] Vgl. Piene 2014, S. 94.
[45] Vgl. ebd., S. 39.
[46] Vgl. Fisher 1998, S. 36.
[47] Vgl. Schlegel 2001, S. 36.
[48] Vgl. Fisher 1998, S. 37.
[49] Vgl. Piene 2014, S. 6.
[50] Vgl. Gerbing 1997, S. 89-100.
[51] Vgl. Hippler 2013, S. 50-51.






