Der nackte Frieden: Theodor van Thuldens Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden von 1659


Julia Bystron


Abb. 2: Theodor van Thulden, Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden, 1659, Öl auf Leinwand, 
109,0 x 162,0 cm, Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Inv. 1540 LG.
© Institut für Kunstgeschichte


Das 17. Jahrhundert und die Friedensallegorie
Das europäische 17. Jahrhundert war geprägt von zahlreichen Kriegen, „die die politischen Strukturen dauerhaft veränderten, das gesellschaftliche Leben beeinflussten“[1] und sich auch stark auf die Kunst auswirkten. Abstrakte Begriffe, wie Krieg und Frieden wurden vor allem in Form von Allegorien ins Bild gesetzt. Allegorien gehörten in dieser Zeit zu den beliebtesten und für die Künstler prestigeträchtigsten Bildgattungen.[2]
Im 17. Jahrhundert finden sich die populärsten Darstellungen von Krieg und Frieden im Werk des Künstlers Peter Paul Rubens (1577-1640) (Abb. 1).[3] Aber auch nach Rubens‘ Tod 1640 und nach dem westfälischen Friedensschluss 1648 blieb die allegorische Darstellung von Krieg und Frieden in den Niederlanden eine wichtige Aufgabe der monumentalen Historienmalerei.[4] Das Gemälde Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden (Abb. 2) von Theodor van Thulden ist ein gutes Beispiel dafür.


Abb. 1: Peter Paul Rubens, Minerva beschützt Pax vor Mars (Krieg und Frieden), 1629-30,
 Öl auf Leinwand, 203,5 x 298,0 cm, London, National Gallery, Inv. NG46. 
© The National Gallery, London


Der Künstler Theodor van Thulden (1606-1669)
Der niederländische Maler, Zeichner und Kupferstecher Theodor van Thulden wurde 1606 in s-Hertogenbosch geboren.[5] Spätestens im Alter von 15 Jahren, um 1621/22, ging er nach Antwerpen, wo er eine Lehre bei einem ortsansässigen Maler absolvierte.[6] In den 1630er Jahren wurde Theodor van Thulden Mitarbeiter in der Antwerpener Werkstatt von Peter Paul Rubens.[7] Daher überrascht es nicht, dass sich van Thuldens Gemälde in Technik und Themenwahl oftmals an den Werken von Rubens orientieren.[8] 1643 verließ van Thulden Antwerpen und ging zurück in seine Heimatstadt.[9] Die politische Situation s-Hertogenboschs und der nördlichen Niederlande in der Zeit um und nach dem Frieden von Münster haben seine späteren Werke stark geprägt.[10]

Die Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden
Das Gemälde Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden (Abb. 2) von Theodor van Thulden entstand im Jahr 1659, es ist am unteren Bildrand vom Künstler signiert und datiert.[11] Bei dem Werk handelt es sich um eine Dauerleihgabe aus Privatbesitz, die sich normalerweise in der ständigen Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur, Münster, im Themenraum zum Westfälischen Frieden befindet. Das 109 x 162 cm große Gemälde zeigt zwei weibliche Figuren, die sich in inniger Umarmung einander zuneigen. Es sind die Personifikationen von Gerechtigkeit und Frieden, Justitia und Pax. Die Begegnung von Justitia und Pax ist innerhalb der im kirchlichen und weltlichen Kontext verbreiteten Friedens- und Gerechtigkeitsbilder ein äußerst beliebtes Motiv und wird in der Regel mit Psalm 85,11 in Zusammenhang gebracht: ‚Barmherzigkeit und Treue begegnen einander, Frieden und Gerechtigkeit küssen sich.‘[12]
Justitia und Pax sitzen auf gleicher Höhe nebeneinander und blicken sich innig an. Links befindet sich Justitia, sie trägt ein blaues Kleid und einen roten Umhang. Sie trägt sehr viel Schmuck, zudem werden ihre Haare von einem mit Federn geschmückten Diadem bekrönt. In ihrer rechten Hand hält Justitia ein aufgerichtetes Schwert, ihr traditionelles Attribut.[13] Rechts neben Justitia befindet sich Pax, die Personifikation des Friedens. Pax trägt kein kostbares Gewand, sondern wird weitestgehend unbekleidet dargestellt. Ihr nackter Körper wird lediglich von einem weißen Gewand locker umspielt, während Teile ihres grünen Umhangs ihre Scham und ihr rechtes Bein bedecken. Auch Pax trägt ein Diadem, das mit einem Perlenband in ihre Frisur integriert ist. In ihrem linken Arm hält sie ein Füllhorn, das mit verschiedensten Früchten gefüllt ist. Zudem befindet sich in ihrer linken Hand ein von zwei Schlangen umwundener Merkurstab.[14] Pax trägt große, lange Ohrringe, sowie einen goldenen Armreif an ihrem linken Oberarm.
Die beiden Personifikationen werden von zwei Putti begleitet.[15] Der Putto am linken Bildrand präsentiert ein weiteres Attribut der Justitia, die Waage, während der zweite Putto rechts hinter Pax in einem offenen Feuer Waffen verbrennt. Auf dem Boden, zu Füßen der Personifikationen, befinden sich verschiedene Gegenstände: in geöffneter Geldbeutel, aus dem Münzen herausfallen, Waffen und Teile einer Rüstung. All diese Objekte sind als Friedenssymbole zu deuten.
Der Bildraum geht in die Tiefe, im Hintergrund ist links das Sockelgeschoss einer monumentalen Architektur zu erkennen.
Unklar ist, wofür das Gemälde Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden von Theodor van Thulden bestimmt war.[16] Anzunehmen ist, dass es „vielleicht für die Ausstattung eines öffentlichen oder halböffentlichen Raumes“[17] geschaffen wurde.
Theodor van Thulden beschäftigte sich im Laufe seines Lebens mehrmals mit dem Bildthema.[18] Das Gemälde Die Rückkehr des Friedens[19] von 1657 (Abb. 3) wird als direkte Vorgängerversion der Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden angesehen.[20]


132,0 x 138,0 cm, s-Hertogenbosch, Noordbrabants Museum, Inv. 08515. 
© Collection Het Noordbrabants Museum, ‘s-Hertogenbosch

Der nackte Frieden
Die Nacktheit der Friedenspersonifikation Pax verwundert auf den ersten Blick, und im Vergleich mit weiteren barocken Friedensallegorien scheint die Darstellung einer fast nackten Pax auch nicht üblich gewesen zu sein. Daher stellt sich die Frage, warum Theodor van Thulden seine Pax in eben dieser Form dargestellt haben könnte?
Pax wird in Thuldens Gemälde als schöne, wohl geformte junge Frau dargestellt,[21] ihre Schönheit und Nacktheit erinnert an Darstellungen der Liebesgöttin Venus (Abb. 4). Unterstrichen wird die Assoziation durch den Perlenschmuck der Friedenspersonifikation, der ebenfalls typisch für Venus-Darstellungen ist.[22] Anderseits trägt die Personifikation des Friedens ein Füllhorn, und der ihr zugeordnete Putto im Hintergrund verbrennt Waffen in einem Feuer. Das Füllhorn und das Motiv des Waffenverbrennens finden sich bereits auf antiken Münzen als Kennzeichen für den Frieden.[23] Zudem sind es Attribute und Merkmale der Friedenspersonifikation Pax.


Abb. 4: Tizian (Werkstatt), Venus vor dem Spiegel, um 1555/60, Öl auf Leinwand, 
117,5 x 101,0 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum, Inv. 0332. 
© Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d018894 (Kulturelles Erbe Köln / Bilddatenbank des RBA, 
https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05011525 [20.04.2018])

Im Vergleich mit der Vorgängerversion des Gemäldes aus dem Jahr 1657 fallen einige Unterschiede auf. In der Vorgängerversion ist es Justitia, die sich mit sehnsüchtigem Blick an die noch bekleidete Pax wendet, während sich Pax zu ihr herunterbeugt. In der Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden von 1659 sind die Nebenmotive reduziert und die Personifikationen stehen stärker im Fokus.[24] Außerdem werden Justitia und Pax nun gleichwertig dargestellt.[25] Doch in dem Gemälde von 1659 entsteht ein neuer Kontrast und zwar zwischen der bekleideten Gerechtigkeit und dem fast nackten Frieden.[26] Justitia wendet sich zur Pax zu und gewährt ihr in einer Umarmung den Schutz, den Pax begehrt.[27] Justitia hat ihr Schwert nicht mehr auf dem Boden abgestellt, sondern hält es aufgerichtet in ihrer Hand. Es wirkt, als würde sie Pax nicht nur in der Umarmung Schutz gewähren, sondern sie zudem noch mit ihrem Schwert beschützen. Hier ist es Pax, die mit der Zuwendung ihres weitgehend nackten Körpers und sehnsuchtsvollem Blick Justitia zum Kuss verführen möchte.[28]
In der bildenden Kunst tritt eher die Liebesgöttin Venus durch ihre Schönheit und Nacktheit als Verführerin von Göttern, wie von Sterblichen auf,[29] als die Friedenspersonifikation Pax. Die Assoziation mit der Liebesgöttin Venus soll im Folgenden näher betrachtet werden. Dazu eignet sich ein weiterer Blick auf das Œuvre von Peter Paul Rubens, denn kein niederländischer Künstler malte die Liebesgöttin häufiger als er.[30] Als Göttin, unter deren Schutz Frieden und Wohlstand herrschten, war Venus für Rubens eine Verkörperung des Positiven, sowohl in der privaten Sphäre des häuslichen Glücks als auch im öffentlichen Leben.[31] Und so führte Rubens Venus in seiner Kunst „als politisches Symbol“[32] ein. Oftmals tauchte die Göttin Venus auch in Rubens‘ Darstellungen von Krieg und Frieden auf. Nach seinem Abschied von der aktiven Diplomatie 1633 war es vor allem die Kunst, die für Rubens zu einem wichtigen Ausdrucksmittel für sein fortgesetztes Interesse an der politischen Zukunft sowohl der Niederlande als auch Europas wurde.[33] Jedoch kannte Rubens Zeit seines Lebens keinen Frieden in Europa. Sein Spätwerk ist daher von wachsender Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit geprägt.[34] Besonders deutlich wird seine verzweifelte Friedenssehnsucht in der Allegorie Die Folgen des Krieges (Abb. 5) von 1638, die während des Dreißigjährigen Krieges entstand.[35] Links im Bild sind die in Kriegszeiten geöffneten Tore des Janustempels zu erkennen.[36] Im Zentrum des Bildes versucht die Liebesgöttin Venus den Kriegsgott Mars verzweifelt zurückzuhalten. Auf dem Boden liegen bereits die Personifikationen der Harmonie, der Fruchtbarkeit und Caritas sowie der Wissenschaften und Künste in Gestalt eines auf dem Rücken liegenden Baumeisters.[37] Die dunkel gekleidete Personifikation der Europa, links neben der Venus, wirft voller Verzweiflung ihre Arme empor.[38] Obwohl Venus schön und sinnlich dargestellt ist, so wirkt sie doch hilflos; ihre Nacktheit unterstreicht ihre Verletzlichkeit.[39]


Abb. 5: Peter Paul Rubens, Die Folgen des Krieges, 1638, Öl auf Leinwand, 206,0 x 345,0 cm, 
Florenz, Galleria Palatina, Inv. 86. © gemeinfrei


Der starke Einfluss der allegorischen Bilder Rubens‘ auf van Thuldens Werk ist gerade an der Gestalt der Pax besonders deutlich: Ihre Nacktheit und ihr charakteristisches Bewegungsmotiv scheinen direkt von Rubens‘ Bildern inspiriert zu sein.“[40] Doch in van Thuldens Gemälde Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden wird keine Venus, sondern eine Pax dargestellt. Das Werk entstand im Jahr 1659. Zwar ist unklar, zu welchem Anlass das Gemälde gemalt wurde, doch im selben Jahr beendete auch der Pyrenäenfrieden den Krieg zwischen Frankreich und Spanien. Die Auseinandersetzungen der beiden Länder hatten den Westfälischen Frieden von 1648 überdauert. Andrea Weindl bezeichnet den Pyrenäenfrieden als eigentlichen „Endpunkt der zahlreichen europäischen Auseinandersetzungen der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts“.[41] Möglicherweise könnte dieser Friedensschluss für Theodor van Thulden ein Anlass zur Ausführung seiner Friedensallegorie gewesen sein.
Das Werk unterstreicht Theodor van Thuldens Sehnsucht nach einem dauerhaften Frieden nach jahrzehntelangen Kriegen in ganz Europa.[42] In dem Gemälde werden die positiven Folgen des Friedens dargestellt. Der üppige Schmuck, die kostbaren Stoffe der Gewänder und das Füllhorn verweisen auf den wiederkehrenden Wohlstand in Friedenszeiten.[43] Der Merkurstab, den Pax mit sich führt, symbolisiert das erhoffte Wiederaufblühen von Handel und Kultur.[44]
Das Motiv des Kusses von Pax und Justitia ist keine eigene Invention des Künstlers, sondern war bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts weit verbreitet.[45] In dem hier thematisierten Gemälde wird der Kuss der beiden Personifikationen allerdings nur angedeutet.[46] Es scheint, als sollte der Betrachter mit dem Gemälde in einen Dialog treten. Die Nacktheit der Pax ist ungewöhnlich und kann den Betrachter durch die mehrdeutige Interpretationsmöglichkeit zum Nachdenken animieren. Trotz des speziellen Motivs vermittelt das Werk auf eine verständliche Weise die Hoffnung des Künstlers auf einen dauerhaften Frieden. Gewissermaßen ist es auch unerheblich, ob van Thulden in seinem Werk eine Venus oder eine Pax dargestellt hat, denn Venus verkörpert zwar vor allem Schönheit, Liebe und Lust, aber auch Frieden, denn im Zeichen der Venus schweigen die Waffen.[47] Warum Theodor van Thulden die Friedenspersonifikation in Form einer Venus gemalt haben könnte, lässt sich heute nicht mehr abschließend klären. Doch so wie Venus die Idealgestalt einer Frau ist, so ist der Frieden die Idealvorstellung der Gesellschaft – damals, wie heute.

Literaturverzeichnis

Arnhold o. J.
Hermann Arnhold, Theodor van Thulden. Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden, 1659, o. J. (28.03.2018).
http://www.westfaelischer-friede.de/de/dokumentation/ausstellungen/sehnsucht-nach-frieden/sehnsucht-nach-frieden-theodor-van-thulden/.

Arnhold 2014
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Elke Anna Werner, Theodor van Thulden. Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden, 1659, Münster 1998
.

[1] Burbaum 2003, S. 11.
[2] Vgl. Arnhold 2014, S. 134.
[3] Vgl. Vlieghe 1998, S. 575.
[4] Vgl. ebd.
[5] Vgl. Werner 1998, S. 1 u. 4.
[6] Vgl. Philipp 2010, S. 94.
[7] Vgl. ebd.
[8] Vgl. ebd.
[9] Vgl. ebd.
[10] Vgl. Vlieghe 1998, S. 578.
[11] Vgl. Werner 1998, S. 4.
[12] Vgl. Arnhold 2014, S. 134.
[13] Vgl. Werner 1998, S. 2.
[14] Vgl. ebd.
[15] Vgl. ebd., S. 3.
[16] Vgl. ebd., S. 4.
[17] Arnhold o. J.
[18] Vgl. ebd.
[19] Das Werk befindet sich heute im Noordbrabants Museum in s-Hertogenbosch.
[20] Vgl. Werner 1998, S. 3.
[21] Vgl. Arnhold o. J.
[22] Vgl. Poeschel 2014, S. 316.
[23] Vgl. Werner 1998, S. 2.
[24] Vgl. Arnhold 2014, S. 134.
[25] Vgl. Werner 1998, S. 3.
[26] Vgl. ebd.
[27] Vgl. Arnhold o. J.
[28] Vgl. Kaulbach 1998, S. 190.
[29] Vgl. Healy 2000, S. 115.
[30] Vgl. ebd., S. 118.
[31] Vgl. ebd.
[32] Ebd.
[33] Vgl. ebd.
[34] Vgl. Raatschen 2012, S. 321.
[35] Vgl. ebd.
[36] Vgl. Kretschmer 2011, S. 428.
[37] Vgl. ebd.
[38] Vgl. ebd.
[39] Vgl. Healy 2000, S. 118.
[40] Arnhold o. J.
[41] Weindl 2009.
[42] Vgl. Stiff 1985, S. 51-52.
[43] Vgl. Augustyn 2003, S. 273-275.
[44] Vgl. Stiff 1985, S. 50.
[45] Vgl. Werner 1998, S. 3.
[46] Vgl. so auch Arnhold 2014, S. 134.
[47] Vgl. Poeschel 2014, S. 316.