Stille Klänge des Friedens - Roelant Saverys Orpheus unter den Tieren

Cristina Christel


Abb. 4: Roelant Savery, Orpheus unter den Tieren, ca. 1614-1620, Öl auf Holz, 17 x 20 cm, 
Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen, Inv. GG 077. 
© Public domain (CC0 1.0), Kunstsammlung der Georg-August Universität Göttingen, 
Foto: Katharina Anna Haase


Die Musik ist ein täglicher Begleiter unseres Lebens: Ob zu Hause, auf der Straße, in der Schule oder auf der Arbeit, Musik wird überall gehört. Es ist ein Medium, dass uns erlaubt Emotionen auszudrücken. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Wege: Während Balladen eher für eine ruhige und manchmal melancholische Stimmung sorgen, können Up-Tempo-Nummern eine energiegeladene und ausgelassene Stimmung herbeiführen. Musik kann uns aber auch selbstbewusster machen und ermutigen. Egal in welcher Lebenslage wir uns befinden, es gibt immer die passende Musik dazu. Sie rührt uns zu Tränen, bringt uns zum Lachen, gibt uns Halt oder lässt uns in eine Traumwelt eintauchen. Das Wesentliche ist aber, dass Musik eine Brücke zwischen den unterschiedlichsten Menschen bilden und so das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken kann. Sie berührt nicht nur Menschen, sondern beeinflusst sie auch in ihrem Handeln. Somit kann Musik auch eine vermittelnde und friedliche Auswirkung haben.
Doch wie wird mit der Musik in der Kunst umgegangen? Und welche Bedeutung hat sie in Friedensdarstellungen? Der Orpheus-Mythos scheint ein beliebtes Bildthema zu sein, um die friedliche Wirkung der Musik zu verbildlichen. Die Geschichte aus Ovids Metamorphosen muss auch den 1576 in Flandern geborenen Künstler Roelant Savery fasziniert haben. Er malte unzählige Bilder zu diesem Thema. In seinen Werken manifestieren sich „Stille Klänge des Friedens“. In der Münsteraner Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ wird ein Werk aus seinem reichen Schaffen gezeigt: Eine Orpheus-Version aus der Kunstsammlung der Universität Göttingen (Abb. 4), auf die später kurz eingegangen werden soll. Hier wird mit Blick vor allem auf das berühmte Londoner Orpheus-Bild (Abb. 2) gefragt: Wie schafft es Savery in einem gemalten, stummen Bild, diese friedlichen Klänge wiederzugeben? Welche visuellen Mittel verwendet er, um dem Betrachter die Musik des Orpheus näher zu bringen?


Abb. 2: Roelant Savery, Orpheus unter den Tieren, 1628, Öl auf Eichenholz, 53 x 81,5 cm, London, 
The National Gallery, Inv. NG920. © The National Gallery, London


Roelant Savery (1576-1639)
Roelant Jacobsz Savery war ein berühmter Landschafts-, Blumen- und Tiermaler (Abb. 1).[1] Er wurde 1576 in Kortrijk (Courtrai) in Flandern geboren.[2] Aus religiösen Gründen zog die Familie aber wenig später in die niederländische Stadt Haarlem.[3] Mit dem Umzug nach Amsterdam 1591 begann seine Karriere als Maler, wo er von seinem älteren Bruder Jacob Savery unterrichtet wurde.[4] Um 1603, kurz nach dem Tod seines Bruders, reiste Roelant Savery nach Prag und konnte dort von 1604 bis 1612 für Kaiser Rudolph II. arbeiten.[5] Dieser beauftragte Savery Studien von der Tiroler Landschaft anzufertigen.[6] Im Februar 1613 kehrte er zurück nach Amsterdam.[7] 1619 zog er nach Utrecht. Dort starb er 1639.[8]


Abb. 1: Joannes Meyssens nach Adam Willaerts, Porträt von Roelant Savery, 1662, Radierung, 16,3 x 11,3 cm, 
Amsterdam, Rijksmuseum, Inv. RP-P-OB-23.606. © Rijksmuseum, Amsterdam

Savery setzt sich in seinen Werken gerne mit biblischen oder mythologischen Themen auseinander.[9] Beliebte Themen bzw. Motive sind dabei oft der Garten von Eden oder auch der Orpheus-Mythos, die durch eine brillante Farbigkeit hervorstechen.[10] Vor allem die Darstellung des Orpheus unter den Tieren existiert in unzähligen Versionen. Besondere Merkmale seiner Malerei sind die felsigen, staffierten Landschaften, die von verschiedenen Tierarten besiedelt sind und sich auch gerne durch dramatische Wasserfälle oder Ruinen auszeichnen.[11] Dabei ist ein großer Detailreichtum zu erkennen: Savery versucht akribisch die unterschiedlichsten Baum- und Tierarten darzustellen.[12]

Der Orpheus-Mythos
Die Geschichte des Orpheus wird in Ovids Metamorphosen erzählt. Er ist der Sohn des Apoll und der Muse Kalliope und als Sänger der römischen Mythologie bekannt.[13] Von seinem Vater hat er das Spielen der Lyra erlernt, weswegen er auch immer eine Lyra bei sich trägt.[14] Seine Musik hat eine „magische Wirkung“[15] auf seine Umwelt: Tiere, Bäume und Steine werden durch seine Klänge verzaubert.[16] Wilde Tiere werden plötzlich zahm und versammeln sich in einem „paradiesischen Friedenszustand“[17]. Die gleiche Auswirkung hat Orpheus Musik aber auch auf die Menschen.[18] Nachdem er seine Gattin Eurydike verlor, begab er sich in die Unterwelt um sie zurück zu holen.[19] Dort angekommen schaffte er es mit der „Zauberkraft seiner Musik“[20] das Böse zu bezwingen und sogar Pluto und Proserpina davon zu überzeugen, seine Gattin gehen zu lassen.[21] Statt die Bedingung einzuhalten, seine Gattin nicht bis zum Verlassen der Unterwelt anzuschauen, riskierte er einen kurzen Blick und wurde mit dem erneuten Verlust seiner Frau bestraft.[22] Das Tragische an der Geschichte ist, dass die Zauberkraft seiner Musik keine Auswirkungen auf ihn selber hat und ihm nicht den Seelenfrieden schenkt, den er nach diesem Verlust gebraucht hätte.

Orpheus unter den Tieren (London, National Gallery)
Die Londoner Orpheus-Version mit dem Titel Orpheus unter den Tieren wurde um 1628 von Savery mit Öl auf Eichenholz gemalt (Abb. 2).[23] Das Werk hat eine Größe von 53 x 81,5 cm und hängt heute in der National Gallery in London.[24] Diese Version nimmt in vielerlei Hinsicht eine besondere Stellung in Saverys Werk ein, da hier die Musik des Orpheus und ihre Auswirkung deutlich sichtbar gemacht wird: Die friedliche Stimmung, die von dem Bild ausgeht, wird zum einen durch den Mythos und zum anderen durch die besondere Farbigkeit und die Komposition hervorgerufen. Savery könnte hier den Moment dargestellt haben, wo Orpheus mit seinem Gesang „die Wälder, die Herzen der wilden Tiere und die Steine, die ihm folgen, in seinen Bann zieht“[25]. Seine Frau ist bereits das zweite Mal gestorben und auch ihm steht sein Tod unmittelbar bevor.
Das Bild zeigt eine gestaffelte Wald-Landschaft. Dabei teilt ein Gewässer, das mittig im Hintergrund beginnt und im Vordergrund in einen kleinen Wasserfall mündet, das Bild in zwei Hälften. Zu den Seiten des Gewässers erstrecken sich im Vordergrund zwei dicht bewachsene Abhänge mit verschiedenen Pflanzen- und Baumarten. Auf dem linken Abhang, am Ufer, sitzt Orpheus. Er ist dem Betrachter zugewandt und trägt ein langes, rotes Gewand mit einem gelben Umhang. In seiner linken Hand hält er sein Musikinstrument. Hierbei handelt es sich aber nicht wie üblich um die Lyra, sondern um eine Violine.[26] Mit der rechten Hand scheint er einen Bogen über die Violine zu streichen und gerade zu musizieren. Dieser Eindruck wird zusätzlich durch die friedlichen Tiere, die sich um ihn herum gescharrt haben und seiner Musik zu lauschen scheinen, unterstützt: Während sich auf der linken Seite ein Pelikan, ein Löwenpaar, ein Hahn, ein Strauß, ein Büffel, ein Reh und ein Hirsch zusammengefunden haben, sind auf der rechten Seite eine Kuh, ein Pferd, ein Kamel, Papageien und ein Elefant versammelt. Sowohl am blauem Himmel, als auch auf dem Gewässer im Vordergrund sind zudem verschiedene Vogelarten zu erkennen. Die gesamte Landschaft wirkt durch ihren Tier- und Pflanzenreichtum wie eine Darstellung des Paradieses.[27] Der Betrachter hat das Gefühl, als würde die mythologische Figur des Orpheus in dem biblischen Garten Eden sitzen. Savery scheint hier seine beiden Lieblingsbildmotive zu einer Darstellung vereint zu haben.
Die Tiere sind hier, genau wie in der Mythologie geschildert, wegen Orpheus zusammengekommen: Seine Musik hat eine friedenstiftende Funktion, sie vereint die unterschiedlichsten Tiere zusammen. Ob Löwen, Kamele, Büffel, Rehe, Vögel oder sogar Elefanten, die Musik führt alle Arten von Tieren zusammen. Orpheus schafft mit seiner Musik das Unmögliche und damit auch in gewisser Weise eine Illusion: In der wahren Natur könnten diese Tiere niemals friedlich zusammenleben, da sie immer ihren Instinkten folgen würden und eigentlich „Fressfeinde“ sind. Seine Klänge wirken aber besänftigend und harmonisch auf die wilden Tiere. Meiner Meinung nach fungiert Orpheus hier ähnlich wie die Pax von Battista Dossi (Abb. 3), die als vermittelnde Figur zwischen zwei – dem Lamm und dem Wolf – oder in diesem Fall mehreren Konfliktparteien agiert. 


Abb. 3: Battista Dossi, Allegorie des Friedens, 1544, Öl auf Leinwand, Dresden, 
Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister, Detail. © Institut für Kunstgeschichte

Orpheus konnte aber nicht nur Frieden unter den Tieren schaffen, sondern auch unter Menschen. Betrachtet man das Bild aus einer anderen Perspektive, so können die Tiere auch sinnbildlich für die Menschen verstanden werden: Die Detailgenauigkeit und Vielfalt bei der Ausführung der einzelnen Tierarten könnte für die Vielfalt der Nationen, Religionen und Traditionen der Menschen stehen. In Anbetracht der historischen Ereignisse im 17. Jahrhundert scheint diese Vermutung auch gar nicht so abwegig zu sein: Das Bild ist um 1628 entstanden, also zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Vielleicht wollte Savery damit die allgemeine Sehnsucht der Menschen nach Frieden widerspiegeln. Dies mag auch ein Grund dafür sein, warum sich Savery zwischen 1610 und 1628 immer wieder diesem Sujet widmete.[28] Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang auch die Blickrichtung mancher Tiere: Einige Tiere sind der Sonne, links oben im Hintergrund, zugewandt (Abb. 2). An dieser Stelle sei auch nochmals auf die unterschiedliche Farbgebung von Vorder- und Hintergrund hingewiesen: Während der Vordergrund sehr dunkel und schattig gehalten ist und vorrangig Erdtöne aufweist, erstrahlt der Hintergrund in blauen und grünen Pastelltönen. Die Sonne erleuchtet den ganzen Hintergrund und taucht die Landschaft in zarte Farbtöne, die wiederrum den paradiesischen Eindruck verstärken. Sie könnte als Zeichen der Erlösung, des Friedens und als Zeichen der Hoffnung verstanden werden: Es scheint so, als würde Savery hier versuchen auch durch die Farbkomposition, die Macht bzw. Zauberkraft der Musik, darzustellen. Er schafft es durch einfache künstlerische Mittel dem Betrachter die Klänge des Sängers, trotz des stummen Formates, näher zu bringen. Der Betrachter kann die Musik zwar nicht wirklich hören, dennoch scheinen sich die stillen Klänge durch die Darstellungsweise in der Phantasie zu bilden. Auch die Haltung des Musikinstruments trägt dazu bei: Orpheus hält die Violine so, als würde er wirklich gerade in diesem Augenblick auf ihr spielen.
Ikonographisch betrachtet ist das Musikinstrument, vor allem die Lyra, ein wichtiges Attribut von Orpheus. Außerdem ist das Bildmotiv des in einer Landschaft sitzenden und musizierenden Orpheus, der von wilden Tieren umgeben ist, im 15. bis 17. Jahrhunderts üblich.[29] Die Londoner Version weist zwar den gleichen Bildtypus auf, stellt jedoch eine Ausnahme in Saverys Orpheus-Werken dar: Es ist nicht nur eines seiner letzten Darstellungen zu dem Thema, sondern ist auch in seiner stilistischen und qualitativen Ausführung von großer Bedeutung, weshalb es sich auch deutlich von den anderen Werken Saverys unterscheidet: Das Bild zeichnet sich durch eine „feine Lichtführung, die zarten Farbtöne des Hintergrundes“[30] und eine detaillierte Ausführung von Baum- und Pflanzenarten im Vordergrund aus.[31] Zudem wählt Savery hier eine andere Komposition als sonst: Während Orpheus vorher nur im Hintergrund angedeutet war, erscheint er in der Londoner Version erstmals im Vordergrund und wird somit seiner Protagonisten-Rolle gerecht.[32]

Die Göttinger Orpheus-Version im Vergleich
Die in der Friedens-Ausstellung präsentierte Orpheus-Version aus der Kunstsammlung der Universität Göttingen (Abb. 4) wurde von Savery im Zeitraum zwischen 1614 und 1620 mit Öl auf Holz gemalt und hat eine Größe von nur 17 x 20 cm.[33] Hier ist noch die typische Komposition von Saverys Orpheus-Bildern zu erkennen: Der Protagonist ist kaum wahrnehmbar in den Hintergrund der gestaffelten Waldlandschaft gerückt worden, was wahrscheinlich auch auf das sehr kleine Bildformat zurückzuführen ist.[34] Inmitten einer tiefen Felsenschlucht sitzt Orpheus auf einem Abhang in der rechten Bildhälfte.[35] Auch wenn die Figur kaum erkennbar ist, lässt sich anhand der Tierversammlung festmachen, dass er gerade musiziert: Vor ihm haben sich verschiedene Tierarten im Halbkreis zusammengefunden, zum Beispiel Rehe, Hirsche, Füchse oder Pferde. Auch der Strauß auf dem gegenüberliegenden Abhang hat sich Orpheus und seiner Musik zugewandt. Somit schafft es Savery mit nur wenigen Mittel die Macht der Musik und ihre friedenstiftende Wirkung zu verbildlichen.
Genau wie die beiden Abhänge im Vordergrund der Londoner Version sind die beiden Abhänge im Hintergrund des Göttinger Bildes auch von einem Gewässer getrennt, in dem Enten, Schwäne und weitere Vogelarten schwimmen. Während der Hintergrund von einem sehr schematischen und flüchtigen Malstil geprägt ist, ist die Vielzahl an wilden und exotischen Tieren im Vordergrund viel klarer und deutlicher ausgearbeitet: Den Mittelpunkt bildet dabei eine liegende Kuh, die leicht in die linke Bildhälfte versetzt ist und durch ihre Haltung und Position im Bild stark hervorsticht. Obwohl sie mit dem Rücken zum Betrachter auf dem Waldboden liegt, hat sie ihren Kopf in seine Richtung gedreht. Damit nimmt sie eine sehr auffällige und prominente Stellung im Bild ein, die zusätzlich von der aus der linken unteren Bildhälfte kommenden Lichtquelle unterstützt wird: Der Fokus liegt auf der hell erleuchteten Kuh, weshalb erst bei näherer Betrachtung der Blick in die Bildtiefe fällt, wo sich die eigentliche Hauptperson befindet. Wenn der Titel nicht verraten würde, dass es sich hier um eine Orpheus-Darstellung handelt, dann würde die gesamte Darstellung eher einem Tierparadies ähneln. Dieser Eindruck wird durch die Ansammlung von weiteren Tieren zur linken und rechten Seite der Kuh verstärkt: Auf der linken Seite befinden sich ein Löwenpaar, mehrere Hirsche, Rehe, eine Ziege und ein Pferd. Dagegen stehen auf der rechten Seite einige Kamele, ein Bison, Pelikane, ein Elefant, ein Bär und ein Affe.

Der Tierfrieden
Die friedliche Ansammlung der Raub- und Beutetiere in beiden Werken von Savery kann auch in Beziehung zum sogenannten „Tierfrieden“ gesetzt werden. Der Tierfrieden muss aber nicht immer im Zusammenhang mit der Orpheus-Mythologie stehen. Tatsächlich findet sich der Begriff schon in der alttestamentlichen Erzählung des Propheten Jesaja. Dort heißt es in der „Ankündigung des messianischen Reiches“ (Jesaja 11, 6-9):
„Dann wohnt der Wolf beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, / das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg […].“
Auch zum Orpheus-Mythos sind durchaus Parallelen zu erkennen, denn es sind sowohl Raub-, als auch Beutetiere in friedlicher Zusammenkunft beschrieben. Der (Tier-)Frieden bildet sich jedoch nicht von selbst, sondern kann nur durch das Handeln einer bestimmten Person herbeigeführt werden: Während es in der Mythologie der Orpheus ist, der mit der Macht seiner Musik sowohl unter Tieren als auch unter Menschen Frieden stiften kann, ist es in der biblischen Erzählung der kleine Knabe bzw. der Messias, der Gerechtigkeit und Frieden bringen wird. Der „kleine Knabe“ könnte hier auch durch den Orpheus ersetzt werden, womit die biblische Textstelle auch auf Saverys Orpheus-Darstellungen bezogen werden kann.


Abb. 5: Roelant Savery, Paradies, 1628, Kupfer, 42 x 57 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum, 
Inv. 1003. Quelle: Müllenmeister 1988, S. 156.

Vor allem decken sich die Paradiesdarstellungen von Savery mit dieser Bibelstelle. Diese Werke zeichnen sich durch eine reine Ansammlung verschiedenster Tiere aus, die zwar auf den ersten Blick sehr an seine Orpheus-Darstellungen erinnern, aber bei weiterer Betrachtung wird man feststellen, dass die Figur des Orpheus gänzlich fehlt (Abb. 5). Hier scheint der klassische Tierfrieden wie bei Jesaja dargestellt worden zu sein. Die unterschiedlichsten Tiere, ob Raub- oder Beutetiere, haben sich vor der Kulisse einer friedlichen Landschaft zusammengefunden. Auffällig ist aber bei diesen Darstellungen, dass es keine aktive Instanz gibt, die diesen Frieden herbeigeführt hat. Es gibt keinen Orpheus und auch keinen Knaben, lediglich Adam und Eva. Nach der biblischen Erzählung ist es aber Gott, der für diesen Zustand verantwortlich ist und nicht Adam und Eva.

Zusammenfassung
Roelant Savery malte unzählige Versionen des Orpheus unter den Tieren. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Vielfalt der Tiere und ihr friedliches Miteinander. Die Figur des Orpheus spielt dabei meistens eine untergeordnete Rolle, wodurch der Eindruck eines „Tierfriedens“ entsteht. Eine Ausnahme bildet daher die Londoner Version: Sie zeichnet sich durch einen völlig neuen Bildaufbau aus. Nicht nur Orpheus ist mehr in den Vordergrund gerückt worden, sondern auch die Musik. In Saverys Bild manifestiert sich der Frieden durch die Macht der Musik. Auch wenn der Betrachter die Klänge der Violine oder den Gesang des Orpheus nicht hören kann, sieht er dennoch die Wirkung der Musik. Savery schafft eine friedliche Atmosphäre, die er allein durch den geordneten Bildaufbau, die Farbkomposition und die Detailgenauigkeit erzeugt. Die Musik spiegelt sich sowohl im Farbenspiel des Vorder- und Hintergrundes als auch im Wesenszustand der Tiere wieder. Aber auch die genaue Wiedergabe des zu spielenden Instrumentes, zeugt nicht nur von einer genauen Beobachtungsgabe, sondern verstärkt auch die Illusion der Klänge.

Literaturverzeichnis

Berardi/Olszeweski 2012
Marianne Berardi, Edward J. Olszewski, Roelandt Savery, in: Burton L. Dunbar, Robert Munman, Edward J. Olszewski (Hgg.), Sixteenth-Century. Northern European Drawings, London 2012, S. 61.

Brown 1991
Christopher Brown, The Dutch school. 1600-1900, London 1991, Vol. 1: Text and comparative plates, S. 411-412.

Erasmus 1908
Kurt Erasmus, Roelant Savery, sein Leben und seine Werke. Diss. phil., Halle a. S., Univ., 1908, S. 84-85, Nr. 55.

Fiorillo 1805
Johann Dominicus Fiorillo, Beschreibung der Gemählde-Sammlung der Universität zu Göttingen, Göttingen 1805, S. 44, Nr. 15.

Haase 2011
Katharina Anna Haase, Orpheus unter den Tieren, in: Georg-August-Universität Göttingen. Sammlungsportal, 2011 (04.01.2018), URL: http://sammlungen.uni-goettingen.de/objekt/record_kuniweb_594194/1/-/.

Jesaja 11, 6-9
Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Luxemburg, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen (Hgg.), Die Bibel. Einheitsübersetzung Altes und Neues Testament, Stuttgart 1980.

Krems 2009
Eva-Bettina Krems, Das Drama des Sehens und der Musik: Zur Darstellung des Orpheus-Mythos in bildender Kunst und Oper der Frühen Neuzeit, in: Kunstgeschichtliches Seminar der Philipps-Universität Marburg: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, Bd. 36, 2009 (14.12.2017), S. 269-300, URL: http://www.jstor.org/stable/27823078.

MacLaren 1960
Neil MacLaren, National Gallery Catalogues, The Dutch School, London 1960, S. 385-386.

Müllenmeister 1988
Kurt J. Müllenmeister, Roelant Savery. Die Gemälde mit kritischem Oeuvrekatalog, Freren 1988, S. 129-130, 302.

The National Gallery 2018a
The National Gallery, Orpheus. 1628, Roelandt Savery, in: The National Gallery, Paintings, 2018 (20.10.2017), URL: https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/roelandt-savery-orpheus.

The National Gallery 2018b
The National Gallery, Roelandt Savery. 1576-1639, in: The National Gallery, Artist A to Z, 2018 (20.10.2017), URL: https://www.nationalgallery.org.uk/artists/roelandt-savery.

von Albrecht 2015
Michael von Albrecht, Ovid Metamorphosen. Aus dem Lateinischen übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Michael von Albrecht, Ditzingen 2015, S. 319.


[1] Vgl. Berardi/Olszeweski 2012, S. 61; The National Gallery 2018a; The National Gallery 2018b.
[2] Vgl. Brown 1991, S. 411; MacLaren 1960, S. 385; The National Gallery 2018b.
[3] Vgl. Brown 1991, S. 411; The National Gallery 2018b.
[4] Vgl. Berardi/Olszeweski 2012, S. 61.
[5] Vgl. Brown 1991, S. 411-412; The National Gallery 2018b.
[6] Vgl. ebd., S. 412; The National Gallery 2018b.
[7] Vgl. Berardi/Olszeweski 2012, S. 61; Brown 1991, S. 412; MacLaren 1960, S. 385.
[8] Vgl. Brown 1991, S. 412; MacLaren 1960, S. 385; The National Gallery 2018b.
[9] Vgl. Brown 1991, S. 412.
[10] Vgl. Ebd.; MacLaren 1960, S. 385; The National Gallery 2018a; The National Gallery 2018b.
[11] Vgl. Brown 1991, S. 412.
[12] Vgl. Müllenmeister 1988, S. 302.
[13] Vgl. ebd., S. 129.
[14] Vgl. ebd.
[15] Krems 2009, S. 3.
[16] Vgl. Müllenmeister 1988, S. 129; The National Gallery 2018a.
[17] Müllenmeister 1988, S. 129.
[18] Vgl. Krems 2009, S. 5.
[19] Vgl. ebd., S. 3.
[20] Ebd., S. 3.
[21] Vgl. ebd.
[22] Vgl. ebd.
[23] Vgl. The National Gallery 2018a.
[24] Vgl. ebd.
[25] von Albrecht 2015, S. 319.
[26] Vgl. MacLaren 1960, S. 386; The National Gallery 2018a.
[27] Vgl. Müllenmeister 1988, S. 129.
[28] Vgl. Ebd., S. 130.
[29] Vgl. Krems 2009, S. 6.
[30] Müllenmeister 1988, S. 302.
[31] Vgl. ebd.
[32] Vgl. ebd., S. 129.
[33] Vgl. Haase 2011.
[34] Vgl. Fiorillo 1805, S. 44, Nr. 15.
[35] Vgl. Erasmus 1908, S. 84, Nr. 55.