Der Friedenskuss im Mittelalter

Charlotte Müller

Abb. 1: Anonym, Frieden und Gerechtigkeit küssen sich, Deutschland um 820/30, 
Stuttgarter Psalter, Cod. Bibl., f. 23, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, f. 100v. 
© CC-BY-SA 3.0 / Württembergische Landesbibliothek Stuttgart 
(http://digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen/sammlungsliste/werksansicht/?id=6&tx_dlf%5Bid%5D=1343&tx_dlf%5Bpage%5D=206 [20.04.2018])


Menschen küssen einander. Bei jeder Art des Kusses – ganz gleich in welchem Jahrhundert – wird eine intime Nähe zwischen zwei Personen hergestellt. Eine Art dieser Nähe während eines Kusses deutete der bekannte Kirchenprediger Bernhard von Clairvaux zu Beginn des 12. Jahrhunderts als das gegenseitige Umfangen der Seelen.[1] Auch heutzutage nehmen wir den Kuss als ein gegenseitiges Zeichen der Zuneigung und Fürsorge in Beziehungen wahr. Jedoch gibt es auch eine andere Art des Kusses, der nicht immer freiwillig ausgetauscht wird.
Ein Kuss lässt sich auf unterschiedliche Weise deuten. Verschiedene Deutungsvarianten sind abhängig von den beteiligten Personen und der geküssten Körperstelle. Ob ein Kuss auf den Mund, die Stirn, den Fuß, die Hand, den Nacken usw. gegeben wird, hat je eine andere Bedeutung. Zusätzlich ist auch die Absicht eines Kusses ist von Bedeutung. Ist der Kuss ein Zeichen der Fürsorge oder der Macht? Soll ein Kuss Nähe vermitteln oder Stärke über eine Person vermitteln? Eine besonders große Diskrepanz zwischen den Bedeutungen eines Kusses liegt in der Zeit des Mittelalters vor. Hier galt der Kuss als Zeichen der Versöhnung, des Konfliktabschlusses bzw. als Friedenszeichen.
Dass hier von einem „Zeichen“ des Friedens gesprochen wird, ist beabsichtigt. Klaus Schreiner beschreibt das Mittelalter als ein „Zeitalter der Zeichen“. Diese Epoche ist von formalisierten Gesten, Zeichen und Ritualen geprägt, um politisches, zwischenmenschliches und religiöses Handeln mit einer Wirkung und Geltungskraft zu versehen und es zu legitimieren.[2] Ein formalisiertes Zeichen war der Kuss in Bezug auf ritualisierte Friedensschlüsse. Um zu klären, wie der Kuss im Mittelalter zu einem Friedenszeichen wurde, muss auch die christliche Vorstellung von Frieden berücksichtigt werden, die prägend für dieses Zeitalter war.

Christliche Friedensvorstellungen prägen das Mittelalter
Im Jahre 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter der Führung Alarichs die Stadt Rom. Diese Erfahrung, dass das christliche römische Imperium angreifbar war, obwohl das Christentum erst kurz zuvor Staatsreligion geworden war, erschütterte eine ganze Generation. Heidnische Kritiker stellten den Gott der Christen als Verlierer und schwache Gottheit dar, der sein Volk nicht vor den Angriffen schützen konnte. Daher hinterfragten einige Christen ihren Gott und ihren Glauben. Auch der große Kirchenlehrer Augustinus beschäftigte sich mit dieser Problematik und verfasste in den Jahren 413-426 seine 22-bändige Schrift De civitate Dei (lat. Gottesstaat).[3]
Im 19. Buch seines Gottesstaates widmete sich Augustinus dem Gedanken des Friedens. Wie fast überall in seiner Theologie verknüpft Augustinus antikes Denken mit dem Konzept der pax romana sowie dem Christentum.[4] Das antike Verständnis vom inneren Frieden des Menschen zeichnet sich durch die Vorstellung einer harmonischen Ausgeglichenheit von Lust und Unlust, Glück und Trauer etc. aus Die pax romana bezieht sich auf die innerstaatliche Eintracht der Bürger, um Schutz und Sicherheit für das Reich zu gewährleisten. Letztere, die christliche Friedensbotschaft, lässt sich auf die Bergpredigt von Jesus Christus (Mt. 5,1) zurückführen.
Zu Beginn seiner Überlegungen steht für Augustinus das Konzept des inneren Friedens des Menschen, welcher sich durch eine geordnete Ruhelage aller Triebe in Leib und Seele ausdrückt. Hier zeigt sich die zentrale Bedeutung der Ordnung für Augustinus‘ Friedensvorstellung. Frieden besteht in der tranquilitas ordinis also einer Ruhe, die durch eine gerechte Ordnung zu Stande kommt. Gerecht bedeutet für Augustinus, dass jeder Mensch seinen gebührenden Platz auf Erden zugewiesen bekommt und diesen behält.
Demnach hat jeder Mensch seinen Platz in der Ordnung des Ganzen - auch im Verhältnis zu Gott - einzunehmen. Nach Augustinus ist der irdische Frieden für den Menschen durch eine christliche Lebensführung zu erwirken. Den vollkommenden Frieden, die pax aeterna, kann der Mensch erst im Jenseits, in Gottes Gemeinschaft erlangen. Dieses Denken eines christlichen Friedens, der von Gott gestiftet ist, zu Gott hinführt und seine Erfüllung in Gott findet, beherrscht das Abendland mehr als 1000 Jahre lang.
Augustinus‘ Friedensvorstellung ist, dass der Frieden auf Erden nur vorläufig gilt, aber als eschatologische Wirklichkeit ewig währt.[5] Trotzdem versuchen die Menschen einen friedlichen Zustand auf Erden zu erlangen. In Anlehnung an die Lehre des Augustinus und den Wunsch nach Frieden auf Erden verbildlicht der Psalm 84,11 (nach lateinischer Zählung) die Friedensvorstellung der Menschen:
Ja, nah ist sein Heil seinen Frommen
Dass Herrlichkeit unter uns wohne,
dass Barmherzigkeit und Wahrheit sich begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen.
Der Erde entspross die Wahrheit,
Und Gerechtigkeit blickte von Himmel.
Der Psalm ist im Alten Testament so einzuordnen, dass der Prophet sich an Gott mit einer Klage über den Umstand der Menschen, die sich von Gott verlassen glauben, wendet. Das Bekenntnis des Psalms (s.o.) mündet nach Erich Zenger in der Zuversicht in Gottes Heils- und Rettungswillen. Zenger deutet den Psalm als einen Verweis auf Gottes Heilswillen, der sich durch die Gerechtigkeit, die vom Himmel herabblickt, zu erkennen gibt. Die Wahrheit, die sich aus der Erde erhebt, bezieht sich auf das Denken und Verhalten der Menschen. Dass sich Gerechtigkeit, die von Gott kommt, und Frieden, nach denen sich die Menschen sehnen, in diesem Moment küssen, unterstreicht den Bund zwischen Gott und den Menschen.[6] Schreiner beschreibt den Kuss als eine Einswerdung von Gerechtigkeit und Frieden, nach dem sich die Menschen und der Psalmist sehnen.[7]
Diese Hoffnung auf den Heilswillen Gottes, die durch den Psalm verbildlicht wird, hat eine breite Rezeptionsgeschichte bis weit über die Grenzen des Mittelalters hinausgezogen.[8] Ein frühes Beispiel ist eine Miniatur aus dem Stuttgarter Psalter Bibl. Fol. 23, der sich seit bereits 200 Jahren in der Württembergische Landesbibliothek Stuttgart befindet (Abb. 1).[9] Entstanden ist diese karolingische Bildhandschrift, die 166 Blatt umfasst, zwischen 820 und 830 in der Abtei Saint-Germain-des-Prés nahe Paris. Die zahlreichen farbigen Miniaturen des Stuttgarter Psalters verbildlichen und deuten den Psalmtext.[10]
Die entsprechende Miniatur zum Psalm 84,11 auf Folio 100verso zeigt zwei Frauen, die sich eng aneinanderschmiegen (Abb. 1). Die rechte Frau hält mit großen Händen die andere Frau fest an sich gedrückt, so scheint die linke Frau leicht auf sie zu kippen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch ihren ausfallenden Schritt mit dem rechten Fuß, der deutlich unter dem Saum des Kleides hervorsieht. Eng sind ihre Köpfe, die mit einem Heiligenschein umrahmt sind, zusammengeführt. Beide Frauen tragen einfache Gewänder mit einem Überwurf, welche durch farbige Streifenmuster und einen leichten Faltenwurf besonders hervorgehoben werden.
Durch Vergleiche zu anderen Bildern aus dem Psalter kann die rechte Frau als die Muttergottes Maria identifiziert werden. Sie trägt eine Krone, mit der sie auch in den Szenen zur Verkündigung (Lk 1,26)[11] und bei der Begegnung mit den Drei Magiern (Mt 2,1, Abb. 2) geschmückt ist. Die Krone besteht stets aus zwei grünen und einem rötlichen Stein. Auch ihre Tracht mit dem lilafarbenen Unterrock und dem hellen Umhang ähnelt sich in den Szenen.[12]


Abb. 2: Anonym, Maria und die Drei Magier (Detail), Deutschland um 820/30, 
Stuttgarter Psalter, Cod. Bibl., f. 23, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, f. 84r. 
© CC-BY-SA 3.0 / Württembergische Landesbibliothek Stuttgart 
(http://digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen/sammlungsliste/werksansicht/?id=6&tx_dlf%5Bid%5D=1343&tx_dlf%5Bpage%5D=206 [20.04.2018])

Doch warum wird Maria hier zum Psalm 84,11 nun als Frieden verkörpert und wer ist die andere Frau? Ist sie nach der Auslegung des Psalms die Gerechtigkeit?
Da die Vorstellung, dass das Alte und Neue Testament ein zusammenhängendes Konzept sei, im Mittelalter überwog, funktioniert das Alte Testament als prophetische Verheißung des Neuen Testamentes. Das Sehnen nach Frieden aus dem Alten Testament (Jes 9,5 „Friedensfürst“ und Psalm 84,11), wird durch Christus im Neuen Testament erfüllt (Lk 1,32). Somit wird Jesus Christus, auch nach Augustinus, als eschatologischer Friedensfürst verstanden, mit dem die messianische Friedenszeit beginnt.[13] Da hier aber nicht Jesus, sondern Maria dargestellt wird, lässt dies den Rückschluss zu, dass Maria den Friedensfürsten in ihrem Leib tragen muss. Maria ist schwanger.
Diese Darstellung geht auf die Deutung des Kirchenhistorikers Theodoret von Antiochien zurück. Anfang des 5. Jahrhunderts deutete er die Begegnung von Frieden und Gerechtigkeit als das Sinnbild der Heimsuchung: Maria trifft ihre Schwägerin Elisabeth, die trotz ihres hohen Alters noch schwanger geworden ist. Die beiden ungeborenen Kinder sind Jesus, der Friedensfürst, und Johannes, der als Vertreter der Gerechtigkeit gedeutet wird. Die Miniatur aus dem Stuttgarter Psalter (Abb. 1) greift diese Deutung aus dem 5. Jahrhundert auf und ist zugleich die bildliche Übersetzung der Begegnung, die im Neuen Testament im Lukasevangelium (Lk 1,39-56) beschrieben wird. Das bei Lukas erwähnte Bergland von Judäa ist hier als Gebirgslandschaft im Ockerton wiedergegeben.

Die Übertragung des Friedenskusses in die Politik
Bei der Betrachtung historischer Quellen zeigt sich, dass Friedensbündnisse mit einem großen Aufwand betrieben wurden. Darunter fallen auch Ausgleiche für materielle und immaterielle Schäden nach der Beendigung eines Konfliktes, sowie Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den verstrittenen Parteien, die sich oftmals monatelang entwickelten. Daran zeigt sich zum einen, dass der Wunsch nach Frieden stärker war, als die schwierigen Verhandlungen, und zum anderen wird durch die Quellen deutlich welche formalisierten Zeichen und Gesten für einen Friedensschluss unabdingbar erschienen.
Um ein Zeichen für einen Friedenbund zu finden, orientierte man sich an der christlichen Zeichenwelt. Besonders der Psalm 84,11 wurde als Grundtugenden für Menschen und Herrscher ausgelegt. In der „Enarratio zu Psalm 84“ ruft der Kirchenvater Augustinus den Gläubigen zu:
Übe Gerechtigkeit, und du wirst Frieden haben; damit sich Friede und Gerechtigkeit küssen. Wenn du nämlich die Gerechtigkeit nicht liebst, wirst du den Frieden nicht haben: diese zwei lieben sich nämlich, die Gerechtigkeit und der Friede, und sie küssen sich, so dass, wer die Gerechtigkeit tut, den Frieden finden wird. […] Willst du zum Frieden kommen? Über Gerechtigkeit.[14]
So galt ein Herrscher als vorbildlich, wenn er sich die politisch-sozialen Grundtugenden des Friedens und der Gerechtigkeit zu eigen machte. Dies bedeutet, dass der augustinische Friedensgedanke den mittelalterlichen Friedensbegriff nicht nur auf theologischem Wege bestimmte, sondern auch Auswirkungen auf die Rechtsordnung hatte. Wilhelm Janssen spitzt dies zu, dass Frieden nur dort herrschen konnte, wo die Rechtsordnung ungestört bliebe.[15]
Ein Beispiel, in dem die Rechtsordnung jedoch gestört war und durch einen Kuss Frieden gestiftet werden sollte, findet sich in dem theologischen und hagiografischen Werk von Bernard Gui „Fleurs des chroniques“ aus der Mitte des 14. Jahrhunderts vor.[16] Es handelt sich hier um den Friedenskuss zwischen Karl V. von Frankreich und Karl II. von Navarra (Abb. 3). Die Miniatur zeigt den Abschlussteil der sogenannten deditio, bei der sich ein Überlegener und ein Unterlegener als Zeichen ihrer Versöhnung nach einem Konflikt, also als Zeichen des Friedens, küssen. 


Abb. 3: Anonym, Friedenskuss zwischen Karl V. von Frankreich und Karl II. von Navarra, Pergament, 
35x27,5 cm (Blatt), Frankreich 1350-1400, Fleurs des Chroniques, Besançon Bibliothèque Municipiale, Ms. 677, f. 103. 
© Institut de recherche et d'histoire des textes - CNRS / Besançon Bibliothèque Municipiale

Bei der deditio handelt es sich um einen Unterwerfungsakt zur Konfliktlösung innerhalb des (Hoch-)Adels, welcher durch gemeinsame Absprachen die formalisierten Gesten zur Versöhnung festlegte.[17] Dadurch entstand das Ritual der deditio, welches durch vier Stufen charakterisiert werden kann:
1. vorherige Absprache über Form und Ausgestaltung des Versöhnungsaktes
2. Schaffung eines öffentlichen Rahmens
3. Fußfall und Selbstbeschuldigung des Unterlegenen
4. Gewährung von Gnade bzw. Vergebung des Überlegenen gegenüber dem Unterlegenen. Der Status des Unterlegenen wird somit aufgehoben. Beide Parteien befinden sich auf einer gleichrangigen Stufe.[18]
Zu beachten ist, dass es sich hierbei nicht um einen spontanen Kniefall oder eine natürliche Vergebungsgeste, sondern um einen Versöhnungsprozess handelt, auf den sich beide Parteien einlassen haben.
Die Miniatur zeigt jedoch nicht nur die Versöhnung, sondern deutet auch das Vergangene und sogar das Zukünftige an, also weitere Stufen dieses Rituals. Das Vergangene erkennt der Betrachter in der Haltung der halb knienden Figur. Hierbei handelt es sich um Karl II., König von Navarra, der die Politik Karl V., König von Frankreich, zu sabotieren versuchte, indem er Charles de Espagne, den Favoriten des Königshauses, 1354 umbringen ließ.[19] Schon bei seinen Zeitgenossen galt Karl II von Navarra als skrupellos und unbarmherzig und bekam daher den Beinamen Charles le Mauvais. Seine Handlungen, die sich gegen den König von Frankreich richteten, waren in erster Linie motiviert durch Besitzansprüche auf Ländereien. Verschärft wurde die Situation durch die Heirat Karls II. mit Johanna, Tochter des Königs Johann II und Schwester von Karl V.
In der Miniatur ist König Karl V. gegenüber Karl II. größer dargestellt und auch seine Krone wirkt - trotz der gleichen Gestaltung - größer als die Karls II. Auch die Kleidung gibt einen Hinweis auf das Verhältnis der beiden zueinander. Der kniende Mann trägt ein einfaches Hemd und der stehende König ist mit einem langen Mantel dargestellt. Bei vielen rituellen Versöhnungen wurde die Kleidung des Unterlegenen durch ein Büßergewand festgelegt, dies kann man durch die schlichte Gestaltung des Hemdes hier auch annehmen. Demnach ist König Karl V. deutlich als Überlegener dargestellt, jedoch hebt er diesen Status bereits auf, indem er Karl II. aufhilft und den Kuss austauscht. Karl II. hat sein linkes Knie leicht erhoben und streckt sich dem anderen König entgegen. Die gesellschaftliche Wiederherstellung des Ansehens Karls II. wird somit eingeleitet und bezeugt durch die zwei Diener an den Bildrändern. Ihr Erscheinen ist für das Handlungsverfahren der deditio und sogar für die Gültigkeit der Versöhnung wichtig.[20] So kann festgehalten werden: der Frieden ist eingekehrt.
Doch halt – am rechten Bildrand, also hinter Karl II., steht dessen Vasall mit gekreuzten Armen und beobachtet die Szene. Dorothee Linnemann deutet diese Geste als Zeichen der Falschheit, hierin deutet der Buchmaler den bereits kurze Zeit später stattfindenden erneuten Verrat durch Karl II. an.[21]
Ob sich die Geste des Dieners tatsächlich so deuten lässt, ist zu hinterfragen. Schließlich können gekreuzte Arme auch ein Zeichen der Nicht-Akzeptanz, des Schmollens etc. sein. Dies wird besonders deutlich, da die Aufteilung der Könige in dieser Miniatur beinahe schablonenhaft auf Folio 81verso erneut erscheint (Abb. 4). Hierbei handelt es sich um den Friedenskuss zwischen Edward III und Philipp VI bei dem der Diener nun mit offenen Armen gezeigt wird (Vgl. Abb. 3 mit Abb. 4). Weltliche Zeichen wie diese zu deuten, stellt bis heute eine Schwierigkeit in der kunsthistorischen Forschung dar.


Abb. 4: Anonym, Friedenskuss zwischen Edward III an Philippe VI, Frankreich nach 1384, 
Fleurs des Chroniques, Besançon Bibliothèque Municipiale, Ms. 677, f. 81v. 
© Institut de recherche et d'histoire des textes - CNRS / Besançon Bibliothèque Municipiale

Ein weiterer Friedenskuss wird von König Philipp II. August von Frankreich und König Johann Ohneland von England ausgetauscht (Abb. 5). Dieser Kuss ist, nicht wie der Kuss von Karl V. und Karl II. ein Friedenskuss, welcher eine deditio abschließt, sondern ein Friedenskuss, welcher einen Vertrag bekräftigt. Bei diesem Vertrag handelt es sich um das Bündnis von Le Goulet, welches am 22. Mai 1200 die Kämpfe um die in Frankreich liegenden Landesteile des angevinischen Reiches beendet.
Abgebildet wurde der Friedensschluss zwischen den Königen in der Chroniques de France ou de St Denis von Johann II.[22] Bei dieser Chronik handelt es sich um eine bedeutende mittelalterliche Geschichtsschreibung Frankreichs. Die Miniatur zeigt die beiden Könige am rechten Bildrand, die ein Jahr damit verbrachten den Vertrag von Le Goulet aufzusetzen. Beide sind gleich groß und bekrönt dargestellt. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Haltung der Könige, da König Philipp II. Augustus sitzend dargestellt wird. Somit ist es die Aufgabe König Johanns auf seinen Vertragspartner zuzugehen und sich für den Kuss zu ihm zu beugen.[23] Dieser Umstand scheint zu verwundern, da durch die Haltungsunterschiede eine Rangordnung eröffnet wird, die bei gleichberechtigten Vertragspartnern nicht zu erwarten wäre. Hingegen ist eine derartige hierarchische Aufteilung bei der deditio nicht unüblich. Beim Vertrag von Le Goulet handelt es sich jedoch nicht um eine deditio zwischen einem Überlegenen und einem Unterlegenen, wie historische Quellen beweisen. Somit muss es eine andere Darstellungsabsicht der Chroniques de France ou de St Denis von Johann II gegeben haben. Grund für diese Darstellung könnte sein, dass diese Handschrift für den französischen Kronprinzen Johann II im 14. Jahrhundert entstanden ist. Es wird vermutet, dass man mit der Chronik den Erbschaftsanspruch von Johann auf den französischen Thron festigen wollte, da Edward III. im Jahre 1337 sein Misstrauen gegen die Blutlinie des Königshauses in Frankreich kundtat.
Die Handschrift umfasst 400 Miniaturen, die vermutlich von sechs Künstlern angefertigt wurden, und programmatische Text zu einzelnen Herrscherbiographien umfasst. Die einzelnen Biographien heben wesentliche Merkmale einer idealen Regentschaft des französischen Herrscherhauses hervor, die Johann wohl Vorbild sein sollte. Die Miniatur zu König Philipp unterstreicht seine versöhnliche und kompromissbereite Seite während eines Vertragsabschlusses. Gleichzeitig wird der französische König durch seine thronende Stellung als „Sieger des Vertrags“ dargestellt. Dies mag so zu erklären sein, dass bereits Zeitgenossen den Vertrag von Le Goulet als Verlust des englischen Königshauses ansahen. Johann Ohneland musste mehr Abgaben an König Philipp leisten, als umgekehrt. Die sitzende und mächtige Position von Philipp kann aber auch durch die Provenienz der französischen Handschrift erklärt werden, die den eigenen König sicherlich nicht negativ zeigen sollte bzw. wollte.
Interessant sind hier, wie auch schon bei der Miniatur von Karl II. und Karl V. (Abb. 3), die begleitenden Gefolgsleute. Die rechte Bildseite der Miniatur (Abb. 5) wird von einer vierköpfigen Gruppe dominiert, die sich alle von der Szene des Friedenkusses wegdrehen. Dieser Umstand lässt einige Fragen entstehen: wird hier ein Misstrauen gegen den Vertrag von Le Goulet offenbart oder handelt es sich um eine geheime Unterhaltung? Auch hier lassen sich die weltlichen Zeichen nicht vollständig deuten. Eine andere Erklärung wäre, dass sich die Miniatur im 14. Jahrhundert vom reinen Herrscher- und Stifterporträts zum Ereignisbild wandelte. Dass sich die Szene zwischen den beiden Herrschern lediglich auf die linke Bildseite konzentriert, könnte ein Indiz dafür sein. Leider ist eine genaue Bildentschlüsselung nicht möglich und die Miniatur sollte weiterhin ein Gegenstand der Forschung bleiben. 


Abb. 5: Anonym, König Philipp II und König Johann Ohneland besiegeln den Frieden von Le Goulet
mit einem Kuss, 1200, Frankreich, Royal 16 G VI, f. 362r, London, The British Library. 
© The British Library

Der Kuss als Zeichen des Friedens
Die Benutzung symbolischer Kommunikationsweisen im Mittelalter wurde nach Katrin Bourrée dazu benutzt, um unkontrollierte Konfliktsituationen, in einer Gesellschaft wo staatliche Strukturen nur schwach ausgebildet waren, zu vermeiden beziehungsweise diese nicht zu verstärken.[24] Das hatte zur Folge, dass die Handlungen der zerstrittenen Parteien „entindividualisiert und entemotionalisiert“[25] wurden, um sich auf die Interaktion mit Hilfe von Ritualen und Zeichen zu fokussieren. Anhand des Friedenskusses konnte gezeigt werden, welche christliche Vorstellung von Frieden innerhalb einer Gemeinschaft ihren Platz fand und wie diese innerhalb eines Rechtsstreites dazu entwickelt wurde vertragliche Abmachungen geltend zu machen.[26]

Literaturverzeichnis

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Jacques Dalarun, Das leuchtende Mittelalter, Darmstadt 2017.

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Dorothee Linnemann, Kat.-Nr. II.14, in: Spektakel der Macht. Rituale im Alten Europa 800-1800, Ausstellungskatalog, hg. von Gerd Althoff u.a., Kunsthistorisches Museum, Magdeburg 2008/2009, 2009 Darmstadt, S. 165

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Mäder, Eduard Johann: Der Streit der „Töchter Gottes“. Zur Geschichte eines allegorischen Motivs. Bern, Frankfurt a. M. 1971.

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Klaus Schreiner, „Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes.“ (Osculetur me osculo oris sui, Cant 1,1). Metaphorik, kommunikative und herrschaftliche Funktionen einer symbolischen Handlung, in: Hedda Ragotzky und Horst Wenzel (Hgg.), Höfische Repräsentation. Das Zeremoniell und die Zeichen, Tübingen 1990, S. 89-132.

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Klaus Schreiner, „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“ (Psalm 84,11). Friedensstiftung durch symbolisches Handeln, in: Johannes Fried (Hg.), Träger und Instrumentarien des Friedens im hohen und späten Mittelalter, Sigmaringen 1996, S. 65-123.

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Les grandes chroniques de France, 1332-1350, online einzusehen: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/, Stand vom 22.2.18
Stuttgarter Psalter, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. Bibl., f. 23, online einzusehen: http://digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen, Stand vom 14.1.2017


[1] Vgl. Bernardus 1957, S. 10.
[2] Vgl. Schreiner 1996, S. 65-66. Dazu auch Aaron Gurjewitsch 1980, der annimmt, dass das gesamte soziale Handeln des mittelalterlichen Menschen durch Rituale, symbolische Handlungen und auch magische Zeremonielle (wie Zaubersprüche und Schwüre) geprägt war. Umberto Eco 1975 geht sogar in seiner Argumentation weiter, indem er die Gründung einer Gesellschaft von dem Austausch durch Zeichen abhängig macht. Dazu auch Jacques le Goff 1964, der von einer „civilisation du geste“ spricht.
[3] Vgl. Lachner 2003, S. 94.
[4] Vgl. Schreiner 1996, S. 69.
[5] Vgl. Lachner 2003, S. 94.
[6] Vgl. Zenger 2005, S. 277-278.
[7] Vgl. Schreiner 1996, S. 74.
[8] Vertiefend zum „Streit der Töchter Gottes“ sei hier auf Mäder 1971 verwiesen.
[9] Der Psalter ist mit allen farbigen Miniaturen online auf der Homepage der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart einzusehen. Hier können Vergleich zu der besprochenen Miniatur erweitert werden.
[10] Vgl. Burkhart 2011, S. 20. Dort verweist Burkhart auf die hohe Anzahl von 316 Miniaturen, die den Psalter zum bildreichsten der karolingischen Zeit macht. Ebenso vgl. Mütherich 1968, S. 151.
[11] Stuttgarter Psalter, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, folio 83v.
[12] Vgl. Mütherich 1968, S. 179.
[13] Vgl. Lachner 2003, S. 74.
[14] Augustinus zit. n. Budzik 1988, S. 376.
[15] Vgl. Janssen 1975, S. 546.
[16] Alle Abbildungen der Handschrift sind online auf der Homepage des französischen Kulturministeriums einzusehen, unter: http://www.culture.gouv.fr/public/mistral/enlumine_fr?ACTION=CHERCHER&FIELD_1=REFD&VALUE_1=%27Besan%E7on%20-%20BM%20-%20ms.%200677%27&DOM=All.
[17] Vgl. Althoff 1997, S. 27–52.
[18] Nach Althoff 2003. An dieser Stelle sei Herrn Prof. Dr. Gerd Althoff für seine freundliche Unterstützung sowie die Erläuterung der Stufen einer deditio gedankt.
[19] Vgl. Dalarun 2006.
[20] Vgl. Bourrée 2009, S. 59.
[21] Vgl. Linnemann 2009, Kat.-Nr. II.14, S. 165.
[22] Die komplette Handschrift ist online auf der Homepage des British Library einzusehen, unter: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/record.asp?MSID=8469, Stand vom 22.2.18.
[23] Zur Position König Johanns während des Vertrags von Le Goulet siehe Warren 1961, S. 54.
[24] Vgl. Bourrée 2009, S. 58.
[25] Ebd.
[26] Vgl. Schreiner 1990, S. 90.