Der entspannte Friede – eine neue Darstellungsform? Ambrogio Lorenzettis Pax in der Sala della Pace in Siena
Gabriela Ussat
![]() |
Abb.1: Ambrogio Lorenzetti, Sala della Pace, Allegorie der
guten Regierung, 1338-1339, Siena, Palazzo Pubblico.
© Institut für
Kunstgeschichte
|
Die Fresken, gemalt in den Jahren 1338 und 1339 von dem Sieneser Ambrogio Lorenzetti, nehmen die kompletten Wände des Sitzungssaals des sogenannten Rates der Neun, der Nove, des obersten Regierungsgremiums der Stadtrepublik Siena. Der Rat war zugleich Auftraggeber der Fresken.[3] Der Freskenzyklus besteht aus vier Bildeinheiten: Die „Allegorie der guten Regierung“ (Abb. 1) und die „Allegorie der schlechten Regierung“ sowie den jeweils daraus folgenden Auswirkungen in der Stadt und auf dem Land.[4] Die auch heute geläufigen Titel hatte bereits Lorenzetti vorgesehen.[5] Bis ins 16. Jahrhundert hinein wurden die Fresken zunächst als „la pace e la guerra“, „Friede und Krieg“, bezeichnet.[6] Seit dem Sturz des Regiments der Nove 1355 wird der Saal, die Sala dei Nove, im Volksmund auch Sala della Pace genannt.[7]
1334 hatte in Siena eine Phase der Verfassungsrevision begonnen, von der sich die Sienesen die Realisierung einer gerechten und friedlichen Regierung in ihrer Kommune versprachen.[8] Daher sollten bei der Neugestaltung des repräsentativen Sitzungssaales insbesondere – und zitiert seien nochmals die Worte Kaulbachs – „politische Prinzipien und Ideale staatlicher Herrschaft und gesellschaftlicher Ordnung mit dem Ziel des Friedens“ dargestellt werden.[9]
Beim Betreten des Saales fällt der Blick unmittelbar auf den Teil des Freskos mit der Allegorie der guten Regierung. Auf einem Podest sitzt in fürstlicher Pose die Figur der thronenden Civitas Siena.[10] Um sie herum sind sechs Frauengestalten versammelt, die sich durch Inschriften über ihren Köpfen als Personifikationen von Tugenden identifizieren lassen. Ganz links sitzt Pax (Friede), daneben Fortitudo (Tapferkeit) und Prudentia (Klugheit). Auf der rechten Seite sitzen Magnanimitas (Großmütigkeit), Temperantia (Mäßigkeit) und Justitia (Gerechtigkeit).[11] Die Darstellung von Figurenkonstellationen der Tugenden ist in der mittelalterlichen Kunst keine Neuheit, deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie in diesem Kontext auftauchen. Gemeinsam verkörpern sie die staatspolitische Idee des „Buongoverno“, der „Guten Regierung“.[12]
Eine Tugend sticht allerdings besonders hervor: Pax. Auch wenn sie hier nicht die größte Figur ist – um einiges größer und monumentaler ist die thronende Civitas Siena, die Personifikation der Stadt –, so ist sie dennoch gegenüber den anderen hervorgehoben. Zum einen wird sie durch ihre zentrale Position nahezu in der Mittelachse des Freskos betont.[13] Diese exponierte Lage erscheint vor allem deshalb auffällig, weil Pax eigentlich gar nicht in den Kanon der klassischen sieben Tugenden gehört.[14] Es finden sich hier mit Fortitudo, Prudentia, Justitia und Temparantia aber immerhin die vier Kardinaltugenden, erweitert durch Magnanimitas und eben Pax.[15] Zum anderen wird Pax durch ihre äußere Erscheinungsform und ihre Haltung hervorgehoben. Die anderen Tugenden sind in traditioneller Weise dargestellt: Sie tragen festlich-repräsentative Gewänder und sitzen aufrecht und würdevoll.[16] Anders ist die Pax wiedergegeben: Anmutig ist ihr Körper in ein weißes, durchscheinendes Untergewand gehüllt, der weich fließende Stoff lässt ihre Körperformen erkennen (Abb. 2).
Entspannt lehnt sie sich, den Kopf vom rechten Arm gestützt, auf ein kostbar wirkendes Kissen zurück, unter dem der ausgediente Waffenrock ruht. Ihre nackten Füße lagern ungezwungen auf Helm und Schild, die nun nicht mehr benötigt werden. Auf ihrem Haupt trägt sie einen Olivenkranz, in der linken Hand hält sie einen großen Ölzweig.[17] Doch nicht dem Betrachter wendet sie ihre Aufmerksamkeit zu, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet. Sie betrachtet das fröhliche Treiben in Stadt und Land, das auf der Längswand der Sala della Pace dargestellt ist. Frieden, symbolisiert durch den Ölzweig, und ausgediente Waffen – nach Martin Kaulbach eine Anspielung auf die militärischen Machtmittel, die im Frieden zwar nicht mehr benötigt werden, dennoch aber zu dessen Durchsetzung beitragen.[18]
![]() |
Abb. 2: Ambrogio Lorenzetti, Sala della Pace, Allegorie der
guten Regierung, (Detail), 1338-1339,
Siena, Palazzo Pubblico, Detail: Pax. © Institut
für Kunstgeschichte
|
Entspannt lehnt sie sich, den Kopf vom rechten Arm gestützt, auf ein kostbar wirkendes Kissen zurück, unter dem der ausgediente Waffenrock ruht. Ihre nackten Füße lagern ungezwungen auf Helm und Schild, die nun nicht mehr benötigt werden. Auf ihrem Haupt trägt sie einen Olivenkranz, in der linken Hand hält sie einen großen Ölzweig.[17] Doch nicht dem Betrachter wendet sie ihre Aufmerksamkeit zu, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet. Sie betrachtet das fröhliche Treiben in Stadt und Land, das auf der Längswand der Sala della Pace dargestellt ist. Frieden, symbolisiert durch den Ölzweig, und ausgediente Waffen – nach Martin Kaulbach eine Anspielung auf die militärischen Machtmittel, die im Frieden zwar nicht mehr benötigt werden, dennoch aber zu dessen Durchsetzung beitragen.[18]
Seit der Antike sind Personifikationen mit ihren jeweiligen Attributen überliefert, um wie beispielsweise in diesem Fall gesellschaftliche Zustände darzustellen.[19] Einheitlich festgeschriebene Attribute gab es bei Tugendallegorien bis in die mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Zeit noch nicht.[20] Erst Cesare Ripa (um 1555-1622) beschrieb um 1593 in seinem maßgeblichen Personifikationen-Handbuch, der Iconologia, über 1000 verschiedene Personifikationen und ordnete ihnen feste Attribute zu.[21] Der Ölzweig, den die Pax in der Hand hält, galt bereits in der Antike als Symbol des Friedens und findet sich so auch auf den Rückseiten kaiserzeitlicher Münzen.[22]
Besonders auffällig an der Pax der Sala della Pace ist ihre außergewöhnliche Körperhaltung: Halb liegend, zurückgelehnt, den Kopf mit der rechten Hand abstützend, lässig und entspannt ruhend. Die Pax könnte hierdurch eine zentrale Wesenseigenschaft des Friedens versinnbildlichen, den „Zustand von Ruhe und Zufriedenheit“[23]. Mit dieser Pax-Darstellung scheint Lorenzetti den traditionellen Pfad zu verlassen.[24] Doch stellt sich die Frage: Ist es eine neue Darstellungsform oder greift sie ebenfalls auf ältere Vorbilder zurück? Die Vermutung liegt nahe, dass es antike Vorlagen waren, an die sich Lorenzetti anlehnte, betrachtet man nur das antik anmutende weiße Gewand.[25] In der Tat lassen sich Bildwerke aus der Antike finden, die der Darstellung der Pax von Lorenzetti im Fresko der Allegorie der guten Regierung sehr ähnlich sind. Die antike griechische Personifikation des Friedens, Eirene, war in der Frühen Neuzeit lediglich aus Texten bekannt.[26] Darstellungen der römischen Friedenspersonifikation Pax hingegen finden sich erstmalig auf kaiserzeitlichen Münzen.[27] Ein solcher Münztypus, der rückseitig eine Pax-Darstellung zeigt, die nach links gewendet auf einem Thron sitzt und dabei ihren linken Arm auf die Lehne abstützt, findet sich beispielsweise in der Zeit des Kaisers Vespasian (69-79).[28] In der Rechten hält sie einen Ölzweig als Zeichen für den Frieden. Lorenzettis Pax zeigt große Ähnlichkeit zu dieser Pax-Darstellung auf der Münze: Beide sitzen auf einem Thron, stützen einen Arm ab und halten in der Hand einen Ölzweig. Doch sowohl die für die Pax Lorenzettis so typische lagernde und entspannte Haltung ist auf der Münze nicht derart ausgeprägt, da die Pax doch noch zu aufrecht sitzt, als auch die auffällige Armhaltung, den Kopf stützend, ist hier nicht zu finden.
Neben der Friedensallegorie scheint Lorenzettis Pax auch Ähnlichkeiten zu anderen Allegorien aufzuweisen, so beispielsweise zur Darstellung der Roma, der Personifikation der Stadt Rom, auf antiken Münzen.[29] Ein Münztypus aus der Zeit Vespasians, auf deren Rückseite eine Roma auf einem der sieben Hügel Roms thront, bildet ein gutes Beispiel.[30] Im Gegensatz zu der Münze mit der Pax-Darstellung ist die Roma hier nach rechts gewendet wie die Pax bei Lorenzetti. Darüber hinaus stützt sie ihren rechten Arm in vergleichbarer Weise auf. Ihre Haltung hingegen scheint noch etwas zu aufrecht im Vergleich zur entspannt lagernden Pax von Lorenzetti. Darüber hinaus ist auch das Gewand wenig detailliert und wenig faltenreich dargestellt.
Es gibt ein weiteres Münzbild, das der Lorenzetti-Pax noch ähnlicher ist. Es handelt sich um eine Münze des Kaisers Nero, datiert auf die Jahre 66–67 n. Chr., ein Dupondius aus Bronze,[31] von dem sich ein besonders gut erhaltenes Exemplar heute im Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin befindet (Abb. 3).[32]
Vorderseitig ist der Kopf Neros mit Lorbeerkranz dargestellt, rückseitig findet sich eine Frauengestalt, die zurückgelehnt auf einem Thron sitzt, den rechten Arm auf die Lehne aufgestützt und den Kopf haltend.[33] In der linken Hand hält sie ein Zepter, rechts vor ihr steht ein brennender, mit einem Ölzweig geschmückter Altar, an dem eine entzündete Fackel lehnt. Ihr Gewand – weich fließend, die Körperformen betonend, mit detailliertem Faltenwurf – weist Ähnlichkeiten zur Pax von Lorenzetti auf, ebenso die charakteristische Körperhaltung: nach rechts gewendet, den Kopf abstützend, zurückgelehnt, lässig ruhend. Betitelt ist die Rückseitendarstellung mit SECURITAS AUGUSTI. Damit wird deutlich, dass es sich hier um die Personifikation der Securitas handelt, der römischen Gottheit für Sorglosigkeit und Sicherheit.[34] Auf Münzen sind besonders ihre entspannten Gesten charakteristisch.[35] Mit der Inschrift SECURITAS AUGUSTI wird offensichtlich auf die Pax Augusta angespielt: die mit dem Prinzipat des Augustus im Jahr 29 v. Chr. begonnene Ära von innerem Frieden und Sicherheit, die die Zeit der Bürgerkriege beendete.[36] Mit dem von Augustus eingeleitetem Frieden brach gleichsam ein goldenes Zeitalter an: Wohlstand für die Bevölkerung, und eine Außen- und Innenpolitik, die im Zeichen des Friedens, der Pax, die von da an als Gottheit verehrt wurde, stand.[37] Nero setzte auf die Erneuerung dieser friedlichen Verhältnisse unter Augustus und übertrug die Sehnsucht nach dem Fortbestand dieses goldenen Zeitalters auf seine Person.[38] Das Münzbild mit der Darstellung der Securitas und der Umschrift SECURITAS AUGUSTI knüpft an die augusteische Tradition an.[39]
Vorderseitig ist der Kopf Neros mit Lorbeerkranz dargestellt, rückseitig findet sich eine Frauengestalt, die zurückgelehnt auf einem Thron sitzt, den rechten Arm auf die Lehne aufgestützt und den Kopf haltend.[33] In der linken Hand hält sie ein Zepter, rechts vor ihr steht ein brennender, mit einem Ölzweig geschmückter Altar, an dem eine entzündete Fackel lehnt. Ihr Gewand – weich fließend, die Körperformen betonend, mit detailliertem Faltenwurf – weist Ähnlichkeiten zur Pax von Lorenzetti auf, ebenso die charakteristische Körperhaltung: nach rechts gewendet, den Kopf abstützend, zurückgelehnt, lässig ruhend. Betitelt ist die Rückseitendarstellung mit SECURITAS AUGUSTI. Damit wird deutlich, dass es sich hier um die Personifikation der Securitas handelt, der römischen Gottheit für Sorglosigkeit und Sicherheit.[34] Auf Münzen sind besonders ihre entspannten Gesten charakteristisch.[35] Mit der Inschrift SECURITAS AUGUSTI wird offensichtlich auf die Pax Augusta angespielt: die mit dem Prinzipat des Augustus im Jahr 29 v. Chr. begonnene Ära von innerem Frieden und Sicherheit, die die Zeit der Bürgerkriege beendete.[36] Mit dem von Augustus eingeleitetem Frieden brach gleichsam ein goldenes Zeitalter an: Wohlstand für die Bevölkerung, und eine Außen- und Innenpolitik, die im Zeichen des Friedens, der Pax, die von da an als Gottheit verehrt wurde, stand.[37] Nero setzte auf die Erneuerung dieser friedlichen Verhältnisse unter Augustus und übertrug die Sehnsucht nach dem Fortbestand dieses goldenen Zeitalters auf seine Person.[38] Das Münzbild mit der Darstellung der Securitas und der Umschrift SECURITAS AUGUSTI knüpft an die augusteische Tradition an.[39]
Augustus stellte den Frieden spätestens seit dem Jahr 13 v. Chr. in den Mittelpunkt seiner Bildpropaganda, nachdem er von seinem Feldzug gegen Spanien und Gallien siegreich nach Rom zurückgekehrt war und der Senat einen ihm gewidmeten Friedensaltar hatte anfertigen lassen (Abb. 4).[40]
Geweiht wurde diese Ara Pacis Augustae der Friedensgöttin Pax, die damit von Seiten des Staates erstmals kultisch verehrt wurde.[41] Das sogenannte Tellus-Relief an der südlichen Außenseite dieses Altars zeigt eine junge weibliche Personifikation auf einem Felsenthron, die sich nach rechts wendet und lediglich mit einem weich fallenden, faltenwerfenden und an manchen Stellen durchsichtig wirkenden Gewand bekleidet ist.[42] Umringt ist sie von zwei unbekleideten Kleinkindern sowie von Flora und Fauna.[43] Die Fülle der um sie herum drapierten Attribute lässt verschiedene Deutungen zu, je nachdem welchen beigeordneten Attributen mehr Gewicht beigemessen wird.[44] In der Forschung tauchen am häufigsten Identifikationen mit folgenden Gottheiten auf: mit der römischen Erdgöttin Tellus, unter besonderer Berücksichtigung der Mohnblumen und Kornähren mit der Getreidegöttin Ceres, im Hinblick auf die Darstellung von Landschaft und Tieren mit Italia, ferner mit der Friedensgöttin Pax und sogar mit Venus, der Begründerin des julisch-claudischen Geschlechts.[45] Diese Vieldeutigkeit könnte nach Alexander Mlasowsky bewusst angelegt gewesen sein, damit die Figur keiner Gottheit sicher zugewiesen werden kann, sondern der Betrachter in ihr die Göttin erkennen soll, die für ihn besonders mit der Pax Augusta in Verbindung steht.[46] Das Anknüpfen Neros an diese Friedenspropaganda des Augustus belegt auch eine weitere Münze: Dargestellt ist die Ara Pacis Augustae, der oben beschriebene Friedensaltar des Augustus, der auch inschriftlich tituliert ist (Abb. 5).
Geweiht wurde diese Ara Pacis Augustae der Friedensgöttin Pax, die damit von Seiten des Staates erstmals kultisch verehrt wurde.[41] Das sogenannte Tellus-Relief an der südlichen Außenseite dieses Altars zeigt eine junge weibliche Personifikation auf einem Felsenthron, die sich nach rechts wendet und lediglich mit einem weich fallenden, faltenwerfenden und an manchen Stellen durchsichtig wirkenden Gewand bekleidet ist.[42] Umringt ist sie von zwei unbekleideten Kleinkindern sowie von Flora und Fauna.[43] Die Fülle der um sie herum drapierten Attribute lässt verschiedene Deutungen zu, je nachdem welchen beigeordneten Attributen mehr Gewicht beigemessen wird.[44] In der Forschung tauchen am häufigsten Identifikationen mit folgenden Gottheiten auf: mit der römischen Erdgöttin Tellus, unter besonderer Berücksichtigung der Mohnblumen und Kornähren mit der Getreidegöttin Ceres, im Hinblick auf die Darstellung von Landschaft und Tieren mit Italia, ferner mit der Friedensgöttin Pax und sogar mit Venus, der Begründerin des julisch-claudischen Geschlechts.[45] Diese Vieldeutigkeit könnte nach Alexander Mlasowsky bewusst angelegt gewesen sein, damit die Figur keiner Gottheit sicher zugewiesen werden kann, sondern der Betrachter in ihr die Göttin erkennen soll, die für ihn besonders mit der Pax Augusta in Verbindung steht.[46] Das Anknüpfen Neros an diese Friedenspropaganda des Augustus belegt auch eine weitere Münze: Dargestellt ist die Ara Pacis Augustae, der oben beschriebene Friedensaltar des Augustus, der auch inschriftlich tituliert ist (Abb. 5).
Dass Ambrogio Lorenzetti dieses Friedensmonument augusteischer Zeit bekannt gewesen ist, ist durch die Arbeit des Census-Projektes mit Sicherheit auszuschließen, denn erst nach 1568 wurden einzelne Reliefplatten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann die größten Teile des Altars ausgegraben.[47] Nicht auszuschließen ist hingegen, dass Lorenzetti neben der SECURITAS-AUGUSTI-Münze des Nero auch dessen Münze mit dem Friedensmonument kannte.
Die Rezeption von antiken Münzen ist ein großes Thema in der Zeit der Renaissance, bieten Münzen doch ein breites Repertoire an Portraits und Motiven, wenn nicht gar den „reichste[n] Vorbilderschatz, den die Antike hinterlassen hat“[48], wie Bernhard Degenhardt und Annegret Schmitt treffend feststellen. Lorenzetti steht hier mit seinem Aufgreifen von kaiserzeitlichen Münzbildern zweifelsfrei noch am Anfang der Entwicklung der Rezeption von antiken Münzen.[49] Dennoch war er auch Zeitgenosse des berühmten italienischen Dichters, Philosophen und des darüber hinaus ersten Münzsammlers Francesco Petrarcas, der Münzen als Quelle für die antike Geschichte auffasste und der das Wiederaufgreifen von antiken Münzbildern etablierte.[50]
Somit scheint auch die Pax-Darstellung von Lorenzetti in der Tat auf antike Vorlagen zurückzugehen. Mit der Anlehnung an die Securitas könnte sie somit bewusst auf die „goldene Zeit“ des Friedens unter Augustus anspielen, die Wohlstand und Ruhe brachte, ausgedrückt durch die lässig zurückgelehnte Pax, den entspannten Frieden. Ziel der umfassenden Verfassungsrevision in Siena war es schließlich, einen „Raum der Rechtssicherheit und des Friedens zu schaffen“, ganz nach römischem Vorbild.[51] Dies wird auch deutlich, wenn man die Pax in Verbindung mit den anderen Freskoszenen betrachtet, in denen die Segnungen des Friedens in der Stadt und auf dem Land dargestellt sind: Arbeit auf dem Land, blühender Handel, Lebensfreude und soziale Harmonie – Szenen, die man schon in antiker Zeit mit Friedenszuständen assoziierte.[52]
Literaturverzeichnis
Baumstark 1974
Reinhold Baumstark, Ikonographische Studien zu Rubens Kriegs- und Friedensallegorien, in: Aachener Kunstblätter, 45, 1974, S. 125-234.
Bautz 1999
Michaela Bautz, Virtutes. Studien zu Funktion und Ikonographie der Tugenden im Mittelalter und im 16. Jahrhundert, Berlin 1999.
Degenhardt/Schmitt 1990
Bernhard Degenhardt, Annegret Schmitt, Die antike Münzkunst im Spiegel neuzeitlicher Bildvorstellung, in: dies.: Corpus der italienischen Zeichnungen 1300–1450, Bd. II/5, Berlin 1990.
Helmrath 2013
Johannes Helmrath: Transformationen antiker Kaisermünzen in der Renaissance. Einige Thesen, in: Ulrike Peter, Bernhard Weisser (Hgg.): Translatio Nummorum. Römische Kaiser in der Renaissance. Akten des internationalen Symposiums, Berlin, 16.-18. November 2011, Ruhpolding 2013.
Kader 2003
Kader, Ingeborg: Eirene und Pax. Die Friedensidee in der Antike und ihre Bildfassungen in der griechischen und römischen Kunst, in: Augustyn, Wolfgang [Hg.]: Pax. Beiträge zu Idee und Darstellung des Friedens, München 2003, S. 117-160.
Kaulbach 1991
Hans-Martin Kaulbach, Friedenspersonifikationen in der frühen Neuzeit, in: Brigitte Tolkemitt, Rainer Wohlfeil (Hgg.), Historische Bildkunde, Berlin 1991, S. 191-209.
Kaulbach 2003
Hans-Martin Kaulbach: Friede als Thema der bildenden Kunst – ein Überblick, in: Wolfganf Augustyn (Hg.): Pax. Beiträge zu Idee und Darstellung des Friedens, München 2003, S. 161-242.
Kaulbach 2013
Hans-Martin Kaulbach (Hg.), Friedensbilder in Europa 1450–1815. Kunst der Diplomatie - Diplomatie der Kunst, Berlin 2013.
Kühr 2002
Michael Kühr, Ambrogio Lorenzetti. Gute und schlechte Regierung. Eine Friedensvision. Pax, Bilder und Gedanken von Homer bis Dante. Ein Freskenzyklus im Palazzo Pubblico in Siena. 1338/1339, Mandelbachtal 2002.
Mlasowsky 2010
Alexander Mlasowsky, Ara Pacis. Ein Staatsmonument des Augustus auf dem Marsfeld, Mainz 2010.
Rubinstein 1958
Nicolai Rubinstein, Political Ideas in Sienese Art. The Frescoes by Ambrogio Lorenzetti and Taddeo di Bartolo in the Palazzo Pubblico, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 21, Nr. 3/4, 1958, S. 179-207.
Schmidt 2003
Dagmar Schmidt, Der Freskenzyklus von Ambrogio Lorenzetti über die gute und die schlechte Regierung. Eine danteske Vision im Palazzo Pubblico von Siena, Bamberg 2003 (zugleich: Diss., Univ., St. Gallen, 2002).
Schmidt-Dick 2003
Franziska Schmidt-Dick, Typenatlas der römischen Reichsprägungen von Augustus bis Aemilianus, Erster Band: Weibliche Darstellungen, Wien 2013.
Skinner 1999
Quentin Skinner, Ambrogio Lorenzetti’s Buon Governo Frescoes: Two Old Questions, Two New Answers, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 62, 1999, S. 1-28.
Vermeule 1964
Cornelius Vermeule, European Art and the Classical Past, Cambridge 1964.
[1] Kaulbach 2003, S. 163.
[2] Vgl. Kühr 2002, S. 1.
[3] Vgl. Kaulbach 2003, S. 163; Skinner 1999, S. 1; Rubinstein 1958, S. 179.
[4] Vgl. Kaulbach 2003, S. 163.
[5] Ebd.
[6] Ebd., S. 164.
[7] Ebd.
[8] Vgl. Schmidt 2003, S. 5.
[9] Siehe Anm. 1.
[10] Vgl. Kühr 2002, S. 8.
[11] Vgl. Schmidt 2003, S. 58; Kühr 2002, S. 9.
[12] Vgl. Schmidt 2003, S. 90f.
[13] Vgl. Kühr 2002. S. 8f.
[14] Ebd. S. 9.
[15] Ebd. S. 12.
[16] Ebd. S. 9; vgl. Kaulbach 2003, S. 163.
[17] Vgl. Kaulbach 2003, S. 163.
[18] Vgl. ebd.
[19] Vgl. ebd., S. 69.
[20] Vgl. ebd.
[21] 1603 erschien die 3. Ausgabe von Ripas Iconologia mit Holzschnitten versehen.
[22] Vgl. Kaulbach 2013, S. 69.
[23] Vgl. Kaulbach 2003, S. 163.
[24] Vgl. dazu Kühr 2002, S. 9. Zur traditionellen Darstellung von Tugenden im Mittelalter und früher Neuzeit siehe: Bautz 1999.
[25] Vgl. Kühr 2002, S. 9. Michael Kühr verdeutlicht, dass man eine derartige Darstellung des Gewandes, das die Formen des jugendlichen Körpers nur vage verschleiert, vielmehr in der antiken Zeit vermuten würde. – Vgl. auch: Kaulbach 2003, S. 163; Schmidt 2003, S. 240 und Rubinstein 1958, S. 187.
[26] Vgl. Kaulbach 2013, S. 69.
[27] Ebd.
[28] Vgl. dazu den Typenatlas der römischen Reichsprägung von Augustus bis Aemilianus, Erster Band: Weibliche Darstellungen von Schmidt-Dick 2003: Die Taf. 33-35 zeigen alle Münztypen mit Pax-Darstellungen. Große Ähnlichkeit gibt es zu dem Typus f5A/06.
[29] Vgl. Schmidt 2003, S. 240 und Schmidt-Dick 2003, Taf. 41-44.
[30] Vgl. Schmidt-Dick 2003, Taf. 44, Typ f5B/03.
[31] Vgl. Vermeule 1964, S. 31 und Baumstark 1974, S. 204, Anm. 55.
[32] Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objektnummer: 18221644.
[33] Vgl. Vermeule 1964, S. 31.
[34] Schmidt-Dick 2003, S. 107.
[35] Ebd.
[36] Vgl. Kader 2003, S. 141 sowie dazu auch: Kaulbach 1991, S. 196.
[37] Vgl. Kader 2003, S. 142 f.
[38] Vgl. ebd. S. 143.
[39] Vgl. ebd.
[40] Vgl. Mlasowsky 2010, S. 22.
[41] Vgl. auch Kader 2003, S. 142.
[42] Mlasowsky 2010, S. 60.
[43] Ebd.
[44] Ebd. – Kader 2003, S. 142.
[45] Vgl. Mlasowsky 2010, S. 60f. fasst die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammen.
[46] Ebd. S. 61.
[47] Census of antique works of art and architecture known in the Renaissance, CensusID: 152122.
[48] Degenhardt/Schmitt 1990, S. 214.
[49] Vgl. Helmrath 2013, S. 302.
[50] Ein Dank für diesen freundlichen Hinweis gilt Stefan Kötz, Kurator des Münzkabinetts am LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.
[51] Vgl. Schmidt 2003, S. 240.
[52] Vgl. Kaulbach 2003, S. 161.




