Kathrin Hajok
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Abb. 1: Willy Brandt kniet vor dem Ghetto-Ehrenmal in
Warschau, 7.12.1970 (Foto: Sven Simon).
Quelle:
Wenger-Deilmann/Kämpfer 2006, S. 200, Abb. 6.
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„Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“[1] So beschrieb Willy Brandt die Geste, die als Warschauer Kniefall in die Weltgeschichte eingehen sollte, in seinen Memoiren (Abb. 1). Nicht erst seit dieser Zeit gehört der Kniefall zum Kanon der Formensprache zwischenmenschlicher Interaktion, aber auch künstlerischer Interpretation, wie bereits im Zuge des studentischen Workshops „Frieden in der Kunst“ veranschaulicht wurde, in dessen Rahmen dieser Beitrag entstand. Dabei wird das Knien im Allgemeinen mit Unterwerfung assoziiert und primär als Geste der Demut verstanden, was sich bereits im Sprachgebrauch niederschlägt: man wird „bekniet“, etwas zu tun oder man zwingt jemanden „in die Knie“. Im profanen Bereich stellt der Kniefall jedoch weit mehr dar als eine reine Subordination. Wie im Folgenden aufgezeigt werden soll, wohnt ihm stets auch ein friedenspolitischer Aspekt inne, wenn „Frieden“ wie im Duden als ein „Zustand des inner- oder zwischenstaatlichen Zusammenlebens in Ruhe, Sicherheit und Eintracht“ definiert wird.[2]
Die friedenspolitischen Gesichtspunkte des Kniefalls sollen anhand von drei Beispielen aus Europa und den USA illustriert werden: dem mittelalterlichen Deditio-Ritual, eben jenem Kniefall Willy Brandts und einer Bewegung, die sich 2016 unter dem Motto #TakeAKnee zusammenschloss.
Die Geste – zugleich universal und spezifisch
Als Aby Warburg Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Begriff der „Pathosformel“ entwickelte, verstand er Gesten als wiederkehrende, normativ bestimmte Bewegungen des Körpers, welche abstrakte Geschehen und Emotionen in eine körperliche Handlung übersetzen. Manche dieser feststehenden bildlichen Ausdrücke seien losgelöst von Zeit und Ort verständlich, wie er an der Antikenrezeption der italienischen Renaissance festzumachen suchte.[3] Jedoch geht das Potential der Gesten noch darüber hinaus: Sie werden im Rahmen von Ritualen zu über ihre Körperlichkeit hinausgehenden, verdichteten Darstellungen komplexer kultureller und sozialer Geschehen, die wiederum oft eine wichtige Rolle im kulturellen Gedächtnis einnehmen.[4] Daher können sie zwar überkontextuell verstanden werden, doch erschließen sie sich in ihrer gesamten Bedeutung erst durch die Einbindung in ihren gesellschaftlichen Zusammenhang.[5] So erklärt sich auch der Bedeutungswandel des Kniefalls im Laufe der Zeit, wie an den Beispielen nachvollzogen werden wird.
Deditio – über das Knien im reziproken Ritual
In der mittelalterlichen Gesellschaft als vorwiegend oraler Kultur spielte die Demonstration und Anerkennung bestehender Ordnungen durch genau strukturierte Rituale und nuancierte Gesten eine eminent wichtige Rolle.[6] Große Bedeutung fiel in der hierarchisch orientierten Gesellschaft der Proskynese zu, dem zeremoniellen Sich-Niederwerfen einer untergeordneten Person vor einer höhergestellten oder eines Menschen vor Gott.[7] Ihre grundlegende Form, der Kniefall, wurde nach Barbara Stollberg-Rillinger im religiösen, aber vor allem im weltlichen Leben zur ausdrucksstarken „symbolischen Geste der Selbsterniedrigung in der Absicht, Gnade zu erlangen“.[8] Der Aspekt der Begnadigung, also der gesellschaftlichen Rehabilitierung, wird besonders in der deditio aufgegriffen, einem „Ritual der kniefälligen Abbitte“, welches als gängiges Mittel der Konfliktbewältigung zwischen Monarch und Adel, in einigen Fällen auch Kaiser und Papst, eine sozial stabilisierende Funktion innehatte – und damit einen friedenssichernden Aspekt.[9] Im üblichen Fall kniete also ein abtrünniger Adeliger als Zeichen der Unterwerfung vor dem Monarchen, der ihm daraufhin im Ritualgeschehen aufhalf und damit die soziale Stellung des Knienden widerherstellte, ohne dass eine der beiden Parteien ihre Ehre einbüßte. Bewusst inszeniert und öffentlich durchgeführt, war der Ausgang eines solchen reziproken und als hochgradig performativ begriffenen Rituals vorbestimmt: der Abbitte folgte zwangsläufig die Gnade.[10]
Illustriert werden soll dieser komplexe Akt am berühmten Beispiel des „misslungenen“ Kniefalls des Landgrafen Philipp des Großmütigen von Hessen vor Kaiser Karl V. An dieses Ereignis wurde in einem Kupferstich erinnert (Abb. 2), der Teil einer Serie nach Vorlagen Marten van Heemskercks war, welche die Siege Karls V. in der Retrospektive öffentlichkeitswirksam präsentierten.[11] Der überzeugte Protestant Philipp kämpfte im Schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser; als die protestantischen Landesfürsten und Städte 1547 faktisch besiegt waren, stimmte Philipp dem Kniefall während einer deditio vor Karl zu. Er begab sich ins feindliche Lager und kniete. Dies soll er jedoch hohnlächelnd getan haben, wie zeitgenössische Quellen berichten. Der Monarch war daraufhin so erzürnt, dass er den hessischen Landgrafen festsetzen ließ, anstatt ihn, wie durch das Ritual festgelegt, zu begnadigen.[12] Im Scheitern der deditio zeigen sich die Grenzen der Geste auf: Da Philipp die religiöse und politische Autorität des Kaisers nicht anerkennen kann und will, fügt er sich auch nicht dem „katholischen“ Ritual, woraufhin sich der Kaiser ebenso wenig daran gebunden fühlt – die Geste als Friedensinitiation, wie durch das Ritual vorgesehen, misslingt.
„Durfte Brandt knien?“ – Der Kniefall als authentische Abbitte
Die Einbettung des Kniefalls ins Ritual als friedensstiftende Maßnahme geschieht auch in einem anderen Zusammenhang: Willy Brandts Kniefall in Warschau am 7. Dezember 1970. Bilder des Kanzlers, der während eines Staatsbesuchs vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghetto-Aufstands kniete, nachdem er dort einen Kranz niedergelegt hatte, gingen um die Welt.[13] Vor allem eine Aufnahme des Fotografen und Springer-Sohnes Sven Simon wurde zum Symbol nationaler Identität im kulturellen Gedächtnis der Deutschen und gilt heute noch als Ikone der Pressefotografie (Abb. 1).[14] Brandt, der während des NS-Regimes im norwegischen Widerstand aktiv gewesen war, leistete als Repräsentant Deutschlands Abbitte für die Verbrechen seines Volkes. Seit den 70er Jahren thematisieren vielfältige Publikationen in stetig wachsender Zahl die friedenspolitische Dimension der berühmten Geste en detail. Daher sei hier nur die Frage angerissen: Wie konnte diese schlichte Geste so große Bedeutung erlangen? Begründet liegt dies in ihrer Authentizität.[15] Der Denkmalbesuch und die Kranzniederlegung waren protokollarisch festgelegt. Brandts Kniefall während dieses „politischen Rituals“ kam vollkommen überraschend.[16] Anders aber als während der deditio Philipps von Hessen hatte der Verstoß gegen die rituelle Ordnung keine negativen Konsequenzen. Im Gegenteil: er wurde als moralische Steigerung der Kranzniederlegung betrachtet. Der Kniefall wurde, um das Begriffspaar Max Imdahls zu bemühen, nicht als „` aufgesetzte´ Pose“, sondern als „authentische Gebärde“ wahrgenommen.[17]
In der medialen Rezeption wurde Brandts Kniefall um eine beinahe parareligiöse Dimension erweitert.[18] Das zentrale erzählerische Motiv der Berichterstattung war dabei dasjenige des Unschuldigen, der für die Sünden der anderen einsteht. So beschrieb der Journalist Hermann Schreiber den Kniefall in der Spiegel-Ausgabe vom 14.12.1970: „Da kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien […] Dann kniet er da für Deutschland.“[19] Dass die Geste schon 1970 als das bedeutende Moment während Brandts Staatsbesuch in Polen erkannt wurde, zeigt sich durch den internationalen medialen Fokus auf diese.[20] Am 14. Dezember 1970 titelte der Spiegel „Durfte Brandt knien?“ und zeigte auf der Titelseite ein Detail des Simon-Fotos: eine Nahaufnahme des knienden Kanzlers, die zum „Schlagbild“ im Warburgschen Sinne wurde (Abb. 3).[21] Zu sehen sind weder die Masse der anwesenden Fotografen, noch das Ehrenmal. Das Geschehen wird in der öffentlichen Wahrnehmung so ganz auf die Geste verdichtet.
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Abb. 3: Titelblatt „Der Spiegel“, 14. Dezember 1970. ©
SPIEGEL 51/1970
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Der emotionale Akt des Niederkniens vor dem Ghetto-Ehrenmal als visuelles Zeichen der deutschen Schuld wird durch das Foto zum Bild und mit Bedeutung aufgeladen zum „Symbol“.[22] Während der Kniefall 1970 stark polarisierte, wird heute besonders seine friedenstiftende Bedeutung betont. So wurde der Kniefall zunächst vor allem im tagespolitischen Kontext der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags und Willy Brandts neuer Ostpolitik, für welche dieser 1971 den Friedensnobelpreis verliehen bekam, wahrgenommen.[23] Im Laufe der Jahre vergrößerte sich mit zunehmendem zeitlichen Abstand der Bedeutungsumfang: Brandts abbittende Geste wurde zum Symbol der sühnenden Anerkennung deutscher Schuld, die wiederum eine Völkerverständigung erst ermöglichte.[24] Seit dem Jubiläumsjahr 2000 befindet sich in Warschau ein Kniefall-Denkmal – unmittelbar gegenüber dem Ehrenmal des Ghetto-Aufstands.[25]
#TakeAKnee – Knien wird zum Protest
Einen ganz andere Bedeutungsgehalt hat eine recht aktuelle Serie von Kniefällen in den USA: Während der Preseason der National Football League, kurz NFL, im August 2016 knieten die Sportler Colin Kaepernick und Eric Reid, während die Nationalhymne gespielt wurde, anstatt wie üblich zu stehen (Link Abb. 4). Aufgrund des hohen Stellenwerts, dem der Hymne im nationalen Selbstbewusstsein der US-Amerikaner beigemessen wird, erregte die Protestaktion großes Aufsehen. Als Grund gaben die Sportler an, mit dieser Geste ein Zeichen gegen die seit 2016 vermehrt aufgekommenen Fälle von Polizeigewalt und rassistisch motivierten Ausschreitungen gegen Afroamerikaner setzen zu wollen.[26] Bereits zuvor hatten einige Sportler diese Vorfälle kritisch kommentiert, doch erst durch den Kniefall wurde den Protesten (inter-)nationale Aufmerksamkeit zuteil.[27]
Die Modifizierung des vordergründig demütigen Kniefalls zum Symbol des gewaltlosen Widerstands gegen Rassismus steht dabei in einer US-amerikanischen Tradition. Schon während der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre wurde das Gebet in kniender Position zum Ausdruck zivilen Ungehorsams.[28] Sportveranstaltungen als Plattform für Proteste zu nutzen, ist ebenfalls kein Novum in der jüngeren amerikanischen Geschichte. Während der Siegerehrung der Olympischen Sommerspiele 1968 in Mexiko-Stadt hoben die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos jeweils eine schwarz behandschuhte Faust und beugten die Köpfe, als die Nationalhymne erklang. Das Pressefoto wurde zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung.[29]
Wie die erhobene Faust 1968, so polarisierte auch der NFL-Kniefall 2016 die USA. Während Donald Trump die Aktion öffentlich stark kritisierte, indem er in ihr keine Kritik rassistischer Polizeipraxis, sondern lediglich eine Respektlosigkeit zu erkennen glaubte, entwickelte sich das Knien während der Hymne zu einer Protestbewegung, an der in der Football-Saison 2017 über 250 Spieler teilnahmen.[30] Unter dem Hashtag TakeAKnee wurde die Geste in den sozialen Netzwerken rezipiert und in verschiedenen Kontexten übernommen. So solidarisierten sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie Privatpersonen mit den protestierenden Sportlern, indem sie Bilder veröffentlichten, auf denen sie ebenfalls knieten. Als ausdrucksstarkes Symbol gegen Rassismus und die politischen Verhältnisse wurde der Kniefall von anderen Bewegungen in deren Protestikonographie übernommen.[31]
Ebenso wie im Falle des Warschauer Kniefalls lässt sich auch in der aktuellen #TakeAKnee-Bewegung eine gewisse Kontextgebundenheit feststellen. Als die Fußballspieler des Berliner Vereins Hertha BSC im November 2017 in Anlehnung an ihre amerikanischen Kollegen vor Beginn eines Spiels knieten, sahen sie sich teilweise harscher Kritik ausgesetzt: ihr Knien wirke aufgesetzt und nicht authentisch.[32] Dies mag darin begründet liegen, dass der Kniefall in Deutschland nicht die gleichen historischen Konnotationen besitzt wie in den USA. Statt sich eines kniend protestierenden Martin Luther Kings zu erinnern, so gedenkt man hier eines Abbitte leistenden Willy Brandts. Der Kniefall der Hertha-Spieler bleibt so nicht mehr und nicht weniger als ein Zeichen der Solidarität mit den US-Sportlern.
Unterwerfung – Abbitte – Protest
Es bestätigt sich also, dass die drei besprochenen Kniefälle in ihrem Kontext jeweils raum- und zeitgebunden sind. Auch ohne den Rahmen einer bestimmten Geste zu kennen, mag man sie im Sinne von Warburgs Pathosformeln zu deuten wissen, doch die Metaebene erschließt sich nur aus ihrem jeweiligen räumlichen und zeitlichen Zusammenhang. Es scheint sogar angebracht, Gesten als für ihre Zeit spezifisch zu begreifen, da in ihnen nicht nur Werte und Moralvorstellungen mitschwingen; in der speziellen Geste des Kniefalls manifestiert sich auch das Friedensverständnis der jeweiligen Gesellschaft.
Wenn Landgraf Philipp von Hessen 1547 die kniefällige deditio boykottiert, so zeigt sich darin, dass dieses aus der mittelalterlich-katholischen Tradition stammende Ritual mit Beginn der Neuzeit überholt ist. Der protestantische Fürst unterwirft sich weder der religiösen, noch der weltlichen Autorität des katholischen Kaisers. Dieser Konflikt wird erst 1648 gelöst. Der deutsche Kanzler Willy Brandt hingegen kniet 1970 demütig und freiwillig im Namen seines Volkes und leistet Abbitte für die Verbrechen Nazi-Deutschlands. Im Angesicht der unbeschreiblichen Gräuel des NS-Regimes kann ein Prozess des Vergebens erst durch diese authentisch-menschliche Geste initiiert werden.[33] Die Geste bereitet so den Weg zu Völkerverständigung und einem innereuropäischen Zusammenleben in Frieden. Als Gerhard Schröder im Jubiläumsjahr 2000 einen Kranz am Ehrenmal des Ghetto-Aufstands niederlegt, fällt er nicht auf die Knie; der Kontext ist ein anderer.[34] 2016 schließlich knien einzelne Individuen vereint im Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt. Sie formieren sich so zu einer multimedial und international vereinten Bewegung, die gegen staatlich geduldete soziale Ungerechtigkeit aufbegehrt. Die für das 21. Jahrhundert so symptomatische Protestkultur nutzt eine Geste, der ursprünglich eine die Hierarchie stabilisierende Funktion zukam.[35] Der Kniefall wandelt sich damit von einem Unterwerfungsritual zum Ausdruck des Widerstands gegen das politische System und hat eine Umgestaltung der Gesellschaft zum Ziel. Am Beispiel des sehr wandelbaren Kniefalls zeigt sich also, dass dieser Geste besonders heute eine gesellschaftspolitische Brisanz innewohnt, die eine Beschäftigung mit dem Thema im interdisziplinären Rahmen des Visual Turn umso bedeutsamer macht.[36]
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[1] Brandt 1992, S. 214.
[2] Dudenredaktion [o.J.].
[3] Vgl. Zumbusch 2004, S. 166-185 und Bierende/Bretfeld/Oschema 2008, S. XX-XXI.
[4] Vgl. Wulf 2014, S. 176, 187. Den gemeinschaftsstiftenden Aspekt der Geste betonen auch Bierende/Bretfeld/Oschema 2008, S. IX-XI; vgl. Bos 2011, S. 283.
[5] Vgl. Wulf 2014, S. 186-187.
[6] Vgl. Wenger-Deilmann/Kämpfer 2006, S. 198-199.
[7] Vgl. Möde 1988, S. 123 und Mrozowski 1993, S. 10-22.
[8] Stollberg-Rillinger 2004, S. 501. Auch im kniefälligen Vasalleneid findet sich das Motiv der Unterwerfung, ohne jedoch dessen sühnenden Charakter innezuhaben (vgl. Mrozowski 1993, S. 22-24).
[9] Stollberg-Rillinger 2004, S. 502.
[10] Eine pointierte Zusammenfassung dieses „gestischen Dialog[s] nach festen sozialen Regeln“ bietet ebd., S.501-503, hier S. 502.
[11] Vgl. ebd., S. 512-516.
[12] Stollberg-Rillinger stellt die Historizität dieser Anekdoten in Frage und sieht in ihnen den Versuch, das Versagen des Rituals zu erklären. Allein, dass dies notwendig war, zeigt, wie unüblich und erklärungsbedürftig der ungeplante Ausgang des Rituals für Zeitgenossen erschien (vgl. ebd., S. 510).
[13] Zum Staatsbesuchs Willy Brandts in Polen Hoffmann 2012, S. 135.
[14] Vgl. Hille 2008, S. 163 und Schneider 2006, S. 67-69. Eine Differenzierung zwischen Geste und Bild als bedeutungsgenerierendem Trägermedium geschieht in der Forschung bisher kaum, obwohl die vor Ort entstandenen Pressefotos nach Detlef Hoffmann „die Interpretation des damaligen Geschehens [wesentlich bestimmen]“ (Hoffmann 2012, S. 135); lese weiterführend ebd., S. 134, 139, 143, Anm. 28.
[15] René ten Bos argumentiert, dass der Faktor Authentizität seit dem 20. Jahrhundert in öffentlichen-politischen Apologien oft ausschlaggebend für deren Erfolg ist. Um als authentische Entschuldigung zu wirken, müsse die Geste spontan, zumindest ungestellt sein: „[…] gestures that are made intentionally, on purpose or strategically will lose their expressive quality. […] a gesture that is not made on purpose is almost by definition more meaningful and expressive than a gesture that is deliberately made“ (Bos 2012, S. 284; vgl. ebd., S. 281-283). Damit stehen sie dem Konzept der mittelalterlichen dedito diametral gegenüber. Die „Mystifizierung des Kniefalls als spontane Geste“ wird so zum zentralen Element in der Rezeption (Münkel 2005, S. 153-154).
[16] Schneider 2006, S. 294.
[17] Schneider 2008a, S. 416.
[18] Wigura 2017, S. 21; vgl. Schneider 2006, S. 73.
[19] Schreiber 1970, S. 29. Teile dieser Passage übernimmt Brandt wörtlich in seiner Autobiographie, was zeigt, dass sich der Kanzler in der Schilderung gut charakterisiert fühlte (vgl. Brandt 1992, S. 214). Die im Zuge des Kniefalls von Warschau aufgekommene christomorphe Stilisierung Brandts in den Medien untersucht Schneider 2006 (hier insb. ebd., S. 233, 263).
[20] Vgl. Behrens 2010, S. 51-130 und Wenger-Deilmann/Kämpfer 2006, S. 201.
[21] Hille 2008, S. 167. Einen erweiterten Zugang zur Bedeutung des `Schlagbilds´ in der politischen Kommunikation am Beispiel nationalsozialistischer Propaganda bietet Diekmannshenke 2011.
[22] Schneider 2006, S. 72; vgl. Marrus 2007, S. 81.
[23] Vgl. Wenger-Deilmann und Kämpfer 2006, S. 202.
[24] Vgl. Behrens 2011, S. 10.
[25] Vgl. Schneider 2008b, S. 3867.
[26] Eric Reid begründete sein Verhalten in einem Artikel in der New York Times vom 25.September 2017 folgendermaßen: „I wanted to do something, but didn’t know what or how to do it. All I knew for sure is that I wanted it to be as respectful as possible […] We chose to kneel because it’s a respectful gesture. I remember thinking our posture was like a flag flown at half-mast to mark a tragedy.“ (Reid 2017). Der Vergleich des Kniefalls mit dem Bild der Flagge auf Halbmast scheint die bedeutsame Zeichenhaftigkeit der Geste vorauszuahnen, die sie im Verlauf der Proteste entwickeln sollte.
[27] Vgl. Sanderson/Frederick/Stocz 2016, S. 302.
[28] Dass diese Konnotation für die US-amerikanische Öffentlichkeit durchaus evident ist, zeigt auch das
Cover des Magazins „The New Yorker“ vom 15.01.2018, welches den knienden Martin Luther King umrahmt von den Sportlern Colin Kaepernick und Michael Bennett zeigt, die als zentrale Protagonisten der TakeAKnee-Proteste gelten (vgl. Mouly 2018).
[29] Vgl. Peterson 2009, S. 102-106.
[30] Vgl. Bretherton 2017; vgl. Intravia/Piquero/Leeper Piquero 2017, S. 1-2.
[31] Exemplarisch seien hier die Anhängerinnen und Anhänger der Women´s Marches angeführt. Eine sich ständig erweiternde Liste an Rezeptionsbeispielen findet sich im Internetauftritt des Mikrobloggingdienstes Twitter unter #TakeAKnee (21.02.2018), URL: https://twitter.com/hashtag/takeaknee.
[32] Vgl. hierzu einen Kommentar im Spiegel Online vom 16.10.2017 (Raecke 2017).
[33] Vgl. Zirfas 2010, S. 88.
[34] Vgl. Schneider 2008a, S. 413 und Bos 2011, S. 283.
[35] Zur Protestkultur als globalem Phänomen lese weiterführend Rucht 2015, S. 276-286.
[36] Die jüngst erschienene Publikation „Arbeit am Bild“ (hgg. von Jürgen Danyel/Gerhard Paul/Annette Vowinckel) zeigt eben jene Möglichkeiten der Visual History auf. Der Beitrag Pauls, der den aktuellen Forschungsstand rekapituliert, beweist anschaulich, dass eine fruchtbare Zusammenarbeit der Kunstgeschichte mit Nachbardisziplinen neue Perspektiven bietet, um Bilder, materielle, aber auch immaterielle Kultur wie Gesten als historische Quellen nutzbar zu machen (vgl. Paul 2017, insb. S. 21-23, 71-72).


