Durch Diplomatie zum Frieden: Gerard ter Borchs Darstellung der Beschwörung des Friedens von 1648

Stephan Eickmeier



Abb. 1: Gerard ter Borch, Beschwörung der Ratifikation des Friedens von Münster, 1648,
Öl auf Kupfer, 45,4 x 58,5 cm,
London, National Gallery, Inv. NG896. © The National Gallery, London


Der vorliegende Beitrag widmet sich der Betrachtung des 1648 entstandenen Ölgemäldes des Gerard ter Borch (um 1617-1681) „Die Beschwörung der Ratifikation des Friedens von Münster“ (Abb. 1). Es ist ein Werk, welches heute als eine Art Ikone des Westfälischen Friedens gilt, da es dem Betrachter einen neuartigen Einblick in die weitreichenden Ereignisse des Frühjahrs 1648 darbietet. Erstmalig war es einem Künstler gelungen, den Abschluss eines auf diplomatischen Wege erzielten Friedensschlusses detailgetreu wiederzugeben. Der hier dargestellte Friedensschluss beendete nicht nur den 80 Jahre währenden Konflikt zwischen dem Spanischen Königshaus und der „Niederländischen Republik“, er gilt ferner auch als bedeutender Meilenstein auf dem Weg zum Westfälischen Frieden. Durch langjährige diplomatische Bemühungen und zähe Verhandlungen der beteiligten Kriegsparteien, war es gelungen den Dreißigjährigen Krieg zu beenden, einen Konflikt ausgelöst durch Machtansprüche im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen und anderer europäischer Herrschaftsgebiete, aber auch zwischen der protestantischen und katholischen Religion und deren Kampf um die Vormacht in Europa.
Die dreißig Jahre des erbittert geführten Kriegs hatten ganze Regionen in Mitteleuropa verwüstet und ausgelaugt, Dörfer und Städte versanken in Gewalt und Tod. Kinder, die zu Beginn des Kriegs geboren wurden, starben als junge Männer auch in diesem Krieg als Soldaten. Tod, Krankheit, Mangel und Verrohung waren die Folgen und wohl kaum noch jemand konnte sich an friedliche Zeiten erinnern. Als man schließlich erkannte, dass dieser Krieg für niemanden mehr zu gewinnen war, kamen Abgesandte aller am Krieg beteiligten Parteien in den Städten Münster und Osnabrück zusammen, um den Konflikt auf Basis diplomatischer Verhandlungen zu beenden. Einen ersten Etappensieg stellte der Friedensvertrag zum Spanisch-Niederländischen Krieg dar. Die Niederländische Republik hatte seit 1568 versucht, sich von der Spanischen Krone loszusagen und ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen, Bestrebungen die zudem innerhalb der Niederländischen Republik zu Spaltungen geführt hatten.[1]
Der junge holländische Künstler Gerard ter Borch kam 1646 als Mitglied der niederländischen Gesandtschaft nach Münster und begleitete über mehrere Jahre an den Friedensverhandlungen in der Stadt, an deren Ende die nördlichen Niederlande aus dem Heiligen Römischen Reich ausschieden und der südliche Teil der Niederlande weiterhin der spanischen Herschafft unterstellt blieb.
Ter Borch verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Künstler, denn er hatte schnell erkannt, dass mit der Anfertigung von Portraits, die die Gesandten als persönliche Erinnerung anfertigen ließen, gutes Geld zu verdienen war. Der Maler hielt aber auch den bedeutendsten Moment der Friedensverhandlungen aus niederländischer Sicht fest: den Friedensschwur und die Entlassung in die Unabhängigkeit von Spanien. Zudem dokumentierte er mit diesem Gemälde das einzige zeitgenössische Ereignis in der gesamten holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, das zugleich der erste Kompromissfrieden in der europäischen Geschichte war.
Wie bereits erwähnt, stellte Gerard ter Borch den bedeutenden Friedensschwur des 15. Mai 1648 im Rathaus zu Münster dar. Nach langjährigen, zähen Verhandlungen war es den spanischen und niederländischen Abgesandten endlich gelungen, ihren achtzig Jahre währenden Konflikt auf diplomatischem Wege zu beenden. Der eigentliche Friedensvertrag war bereits am 30. Januar 1648 von beiden Vertragsparteien unterzeichnet worden, im Mai desselbigen Jahres erfolgte nun der Austausch der Ratifikationsurkunden mit feierlicher Beschwörung und öffentlicher Verlesung. Für die Delegationen der Niederlande und Spaniens waren die Ereignisse im Mai 1648 der krönende Abschluss des von ihnen ausgehandelten Friedensvertrages, der nun einen Teilerfolg des Westfälischen Friedens bildete und somit den Krieg auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches und anderen europäischen Gebieten beendete. Mehrere zeitgenössische Chronisten berichten von den Festlichkeiten, die am 15. Mai im Münsteraner Rathaus stattfanden. So auch der Historiker Lieuwe van Aitzema, welcher 1650 einen ausführlichen Bericht über die Friedensverhandlungen publizierte.[2] Anhand dieses Berichtes lassen sich die Ereignisse des 15. Mai 1648 rekonstruieren. Es ist jedoch auch festzustellen, dass sich van Aitzemas schriftliche Aufzeichnungen mit den Darstellungen in ter Borchs Gemälde größtenteils decken und vermuten lassen, dass ter Borch bei der Anfertigung seines Werkes auf eine höchst detailgetreue Wiedergabe der Ereignisse geachtet hat.
Van Aitzema berichtet zunächst davon, wie am frühen Morgen die Kutschen der Abgesandten das festlich geschmückte Münsteraner Rathaus erreichen und die Gesandten nach und nach in den großen Rathaussaal geleitet werden, wo die Zeremonie stattfindet.[3] Nachdem sich alle Diplomaten um den zehneckigen Tisch mit grünseidener Decke versammelt haben, erfolgt die feierliche Ratifikation des Friedensvertrages.[4] Nacheinander legen die Delegierten beider Parteien den Eid ab. Zunächst sprechen die spanischen Gesandten ihren Schwur auf Latein, dabei die rechte Hand auf das Evangelium gelegt, dann folgen die Niederländer, welche mit erhobener rechter Hand die französische Schwurformel sprechen.[5] Abschließend erfolgt der Austausch der Dokumente, die Niederländer legen ihre Vertragsstücke und Papiere in eine mit rotem Samt bezogenen Kiste und überreichen diese den Spaniern. Der unterzeichnete Vertrag der Spanier wird gleichfalls in einer mit rotem Samt bezogene Kiste verwahrt und der niederländischen Delegation übergeben.[6]
Gerard ter Borch, der ursprünglich im Gefolge der niederländischen Diplomaten nach Münster gekommen war, hatte sich im Laufe seines Aufenthaltes in der Stadt dem Gefolge des spanischen Chefunterhändlers, Graf Peñaranda, angeschlossen und besaß so die Möglichkeit, dem Friedensschwur persönlich beizuwohnen. Dies war eine große Ehre für den jungen Maler aus Zwolle, die ihn wohl auch dazu bewogen hat, sich in Form eines Selbstportraits auf der linken Bildseite zu verewigen. Hier steht der stolze Künstler zwischen den übrigen Anwesenden und blickt den Betrachter des Bildes unvermittelt an. Dem Betrachter fällt seinerseits beim Blick in den Rathaussaal der hohe Grad an Detailverliebtheit auf, mit dem Gerard ter Borch den feierlichen Abschluss der Friedensverhandlungen festhält. Durch die großen Fenster wird der Saal in das warme Licht der Maisonne getaucht, die aufwendigen Wandvertäfelungen, das reichhaltige Schnitzwerk der Magistratsbänke sowie der große Leuchter sind detailliert wiedergegeben, sogar die frischen Frühlingszweige und Blumen, die extra für den Festakt herbeigeschafft wurden, sind in dem Gemälde festgehalten worden.[7] Durch die leicht asymmetrische Anordnung der Anwesenden und das Portrait des Gerard ter Borch, wird die steife Formalität der Szene abgemildert und ihr eine gewisse Lebendigkeit verliehen.[8]
Diese völlig neuartige Darstellung eines so bedeutenden, aktuellen Ereignisses, muss für den zeitgenössischen Betrachter ein ungewohnter, vielleicht auch unverständlicher Anblick gewesen sein. Bis dato zeigten Friedensdarstellungen immer einen Siegfrieden, mit einem eindeutigen Sieger und einem eindeutigen Verlierer, beide erkennbar an ihrem Auftreten. Oft waren auch schriftliche Berichte von Chronisten die einzige Möglichkeit, bedeutende Ereignisse unter der Bevölkerung zu verbreiten. Für die Darstellung eines Kompromissfriedens konnte ter Borch daher nicht auf eine Bildtradition zurückgreifen.
1646 kam der 29-jährige Gerard ter Borch im Gefolge des Delegierten für Holland und Westfriesland, Adriaan Pauw, ins westfälische Münster. In den vorrangegangenen Jahren hatte er eine ausgedehnte Studienreise durch England, Italien und Spanien absolviert, bevor er, vermutlich in Amsterdam, Pauw kennenlernte und sich dessen Gefolge anschloss.[9] Ter Borch hatte sich in Amsterdam bereits einen Namen als talentierter Portraitmaler erworben und die Friedensverhandlungen zum Westfälischen Frieden in Münster, welche hochrangige Persönlichkeiten aus großen Teilen Europas nach Westfalen geführt hatte, verhießen lukrative Aussichten auf zahlreiche potenzielle Auftraggeber. So entschloss er sich, seinen zahlungskräftigen Auftraggeber nach Münster zu begleiten, in der Absicht, dort noch weitere Kunden zu finden. Sein erster Auftrag bestand aus der Anfertigung zweier Miniaturportraits der Eheleute Pauw sowie der Ausführung des Gemäldes „Einzug des Gesandten Adriaan Pauw in Münster“ (Abb. 2), das zu den wenigen großformatigen Arbeiten im Gesamtwerk des Künstlers zählt. Das Gemälde, welches heute im Münsteraner Stadtmuseum zu sehen ist, zeigt Pauw in Begleitung seiner Frau und seiner Enkelin, wie er im Sommer 1646 zu einer weiteren Verhandlungsrunde in Münster eintrifft.


Abb. 2: Gerard ter Borch, Einzug des Gesandten Adriaen Pauw in Münster, um 1646, 
Öl auf Leinwand, 100,5 x 161,5 cm, Münster, Stadtmuseum Münster. 
© Stadtmuseum Münster, Foto: Tomasz Samek 
(https://www.stadt-muenster.de/museum/museum/stadtgeschichte-seit-793.html / https://www.stadt-muenster.de/museum/museum.html [20.02.2018])



Schon in den ersten Monaten seiner Anwesenheit in Münster, muss es ter Borch wohl gelungen sein, einen innigen Kontakt zum Gefolge des Grafen von Peñaranda aufzubauen, denn bereits 1647 wechselte er in dessen Gefolgschaft. Dies war ein wohlüberlegter Schritt, denn der Wechsel in das Gefolge des Grafen bot ter Borch eine größere finanzielle Sicherheit. Adriaan Pauw reiste nämlich, aufgrund der geografischen Nähe, gelegentlich zurück in die holländische Heimat, wogegen Peñaranda alle Verhandlungsjahre ununterbrochen in Münster weilte.[10] Die Erwartungen, mit denen der Künstler ein Jahr zuvor nach Münster gekommen war, mussten sich wohl weitestgehend erfüllt haben, denn Graf Peñaranda war vollauf zufrieden mit den Diensten ter Borchs. Obwohl ter Borch fast zwei Jahre lang Mitglied des spanischen Gefolges war, sind ein kleines Portrait des Grafen Peñaranda (Abb. 3) sowie einige wenige Gemälde und Zeichnungen unbekannter spanischer Höflinge, die einzigen überlieferten Arbeiten aus dieser Zeit, die ihm zugeordnet werden können.[11]


Abb. 3: Gerard ter Borch,
Portrait des Don Caspar de Bracamonte y Guzman,
Graf von Peñaranda, 1647-1648,
Öl auf Kupfer,10,5 x 9 cm, Rotterdam,
Museum Boijmans van Beuningen,
Inv. 2529 (OK). © gemeinfrei


Ter Borch fertigte nicht nur Portraits für die spanischen oder niederländischen Gesandten, sondern nahm auch einige Aufträge von Mitgliedern anderer Delegationen an. Einen großen Erfolg hatte ter Borch mit seinen miniaturhaften Brustportraits auf Kupfer, mit denen er sich innerhalb kurzer Zeit einen Namen unter den verschiedenen Delegationen gemacht hatte. Diese Brustportraits zeichneten sich stets durch eine hohe künstlerische Qualität und eine äußerst detaillierte Ausführung aus. Nicht nur für den Künstler vereinigten diese miniaturhaften Portraits einige Vorteile, sondern auch für ihre Auftraggeber. Ter Borch der schon immer das Arbeiten im kleinen Format bevorzugte, konnte diese Portraits unter den gegebenen Atelierbedingungen in Münster erheblich leichter anfertigen als großformatige Gemälde und die Besitzer konnten diese kleinen Formate wesentlich leichter transportieren als lebensgroße Portraits.[12]
Auch war es damals schon üblich, dass die Abgeordneten untereinander, oder mit den Abgeordneten anderer Delegationen, ihre Portraits als eine Art Andenken an den historischen Friedensschluss und die damit oft verbundenen langjährigen Aufenthalte in Münster tauschten. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dienten ter Borch die Portraits der Gesandten als eine Art Vorstudie für sein Gemälde „Die Beschwörung der Ratifikation des Friedens von Münster“, so konnte er die bereits erstellten Brustportraits der Teilnehmer als Vorlage nutzen, um sie in die Gesamtkomposition des Gemäldes einzufügen.[13] Durch das komplizierte Protokoll der Schwur-Zeremonie erfolgte die Positionierung der Teilnehmer ursprünglich rund um den zentralen Tisch. Dies machte eine künstlerische Darstellung beinahe unmöglich, weshalb ter Borch, in einem Akt der künstlerischen Freiheit, die Personengruppe zu einem Gruppenportrait hinter einem zehneckigen Tisch anordnete. Dennoch wirkt die Personengruppe bei ter Borch keinesfalls konstruiert wie bei Vergleichswerken, ein Umstand, der wohl ter Borchs eigener Sicht auf die Zeremonie geschuldet ist. Bisher gibt es keinerlei Hinweise auf einen Auftraggeber für dieses Gemälde, so dass der Künstler vermutlich alle künstlerische Freiheit bei der Umsetzung des Themas hatte. Für diese These spricht auch, dass das Werk bis zu ter Borchs Tod in seinem Privatbesitz blieb.


Abb. 4: Unbekannt, Die Konferenz in Somerset House,
1604, Öl auf Leinwand, 205,7 x 268 cm,
London, National Portrait Gallery,
Inv. NPG 665. © National Portrait Gallery, London

Bei der Betrachtung ähnlicher Werke, welche die gleiche Thematik beschreiben, wie zum Beispiel „Die Konferenz in Somerset House“ (Abb. 4), die möglicherweise einzig frühere Darstellung eines Kompromissfriedens in der Malerei, fällt nun auf, dass ter Borch die konventionelle Tischszene vermied.[14] Der unbekannte Künstler der „Konferenz in Somerset House“ platzierte die englischen und spanischen Abgesandten in statischen Sitzreihen zur linken und rechten Seite des Tisches.
Zwar spielt der Tisch bei ter Borch ebenfalls eine wichtige, zentrale Rolle, dennoch dominiert er nicht die Szene und hebt sich nur dezent durch seine grüne Decke aus der dunklen Menschenmenge ab. Der Tisch bleibt bei ter Borch Mittel zum Zweck, er trennt die Parteien nicht räumlich, sondern durch seine runde Form und angemessene Größe wird er zum verbindenden Element, um das sich die Teilnehmer versammeln müssen. Dies steigert die Feierlichkeit der Szene. Die geschwungene Linie der stehenden Figuren, die durch Körpergröße und Abstand erzeugt wird, verleiht dem Geschehen eine gewisse Dynamik. Der Vordergrund des Bildes zwischen Betrachter und der um den Tisch versammelten Personengruppe bleibt leer und schafft somit eine gewisse Distanz zum Ereignis, üblicherweise wird dieser Freiraum von vielen Künstlern mittels einer Rückenfigur oder eines Tieres, beispielsweise eines Hundes, gefüllt.[15] Auf der linken Seite wird die Szene begrenzt durch einen Soldaten, der in den Farben Münsters – Gelb und Rot – gekleidet ist. Auf der rechten Seite bilden ein rot gekleideter Diplomat und ein Prior in brauner Robe den Abschluss der Personengruppe.[16] Über den Beteiligten hängt ein großer goldener Radleuchter mit dem Stadtwappen von Münster und einer Strahlenkranzmadonna. Direkt unter dem Leuchter, vor dem mit Fahnen gerahmten Richterstuhl, steht eine Gruppe von Repräsentanten der Bürgermiliz. Durch die seitwärts rahmenden Figuren und den massiven Leuchter erfolgt eine Staffelung hin zum zentralen Bildmotiv, dem Friedensschwur.[17]


Abb. 5: Jonas Suyderhoef nach Gerard ter Borch,
Beschwörung der Ratifikation des Friedens von Münster,
nach 1648, Kupferstich, 46,9 x 58,8 cm,
Amsterdam, Rijksmuseum, Inv. RP-P-OB-68.251. © Rijksmuseum, Amsterdam


Ter Borchs neuartige Darstellung des Friedensschwures erlangte schnell große Bekanntheit, da sie als Kupferstich in ganz Europa verbreitet wurde. Gerard ter Borch hatte schon kurz nach der Fertigstellung des Gemäldes, den Kupferstecher Jonas Suyderhoef beauftragt, das Werk als Kupferstich in gleicher Größe zu reproduzieren (Abb. 5), so dass bereits kurz nach Abschluss der Friedensverhandlungen mit der Vervielfältigung begonnen werden konnte. Obwohl das Bild ter Borchs stark von den Darstellungsgepflogenheiten jener Zeit abwich, fand diese neuartige Komposition schon bald Nachahmer.
Auffällig ist, dass bei ter Borch keine Persönlichkeit auszumachen ist, welche die Szene bestimmt und das Gewicht zwischen den Religionen und den politischen Allianzen ausgewogen ist.[18] Nur die heilige Jungfrau auf dem Leuchter, schwebt über allem und segnet Spanier wie Niederländer gleichermaßen. Die verschiedenen Parteien scheinen fast zu verschmelzen, da sich ihre ähnliche Kleidung nicht eindeutig der katholischen oder protestantischen Seite zuordnen lässt. Wie bereits einleitend bei van Aitzema erwähnt, lief die Schwurzeremonie nicht wie bei ter Borch dargestellt parallel zueinander ab, sondern in einer strengen Reihenfolge. Zunächst sprachen die Katholiken auf Latein die Eidesformel und berührten dabei Kreuz und Bibel, dann folgten die Protestanten mit der Eidesformel auf Französisch und der zum Schwur erhobenen rechten Hand
Durch diese äußerst ausgewogene Balance zwischen den Parteien, entsteht der Schein einer Solidarität mit hehren Zielen, Krieg und Not zu beenden und einen immerwährenden Frieden herzustellen. Die politische Freiheit, also die Unabhängigkeit der Niederländischen Republik von Spanien, der zentrale Punkt welcher vor Jahrzehnten zum Ausbruch des Konfliktes geführt hatte, hatte bei ter Borch nun keinen Platz mehr. So scheint es zumindest, denn der Frieden war hart erkämpft worden, nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch auf den Schreibtischen der Diplomaten. Die Abspaltung der Niederländischen Republik von der Spanischen Krone war auch in den Niederlanden nicht unumstritten und es gab durchaus etliche Befürworter, die die bisherigen politischen Verhältnisse beibehalten wollten. So lässt sich sagen, dass ter Borch sich wohl nicht nur einem höheren Ideal verpflichtet fühlte und Religion oder Staatszugehörigkeit gegenüber Frieden und Wohlstand zurückstellte, sondern, dass sein Werk auch eine Art Inszenierung darstellt, in der ein Gesichtsverlust, gleichwelcher Partei, entschieden vermieden wurde.
Nach seiner Zeit in Münster nahm ter Borch das Bild in seinem Gepäck mit in seine neue Heimat nach Deventer, wo es auch bis zu seinem Tode 1681 verblieb und nur wenigen Leuten zugänglich war. Obwohl ter Borch immer wieder Verkaufsabsichten äußerte, blieb das Bild stets in seinem Besitz.
Nicht zuletzt der hohe Bekanntheitsgrad des Kupferstiches beeinflusst die heutige Sicht auf dieses Werk stark. In hohen Auflagen reproduziert, erfreute sich der Stich langer Zeit einer hohen Beliebtheit und erinnerte symbolhaft an den auf Vernunft und Verhandlung beruhenden Friedensschluss, welcher durch die feierliche, abschließende Schwurzeremonie einen immerwährenden Frieden garantieren sollte. So ist es letztendlich diese hohe Symbolhaftigkeit, die neben der kunsthistorischen Bedeutung den Wert dieses Werkes erklärt.

Literaturverzeichnis

Dickmann 1972
Fritz Dickmann, Der Westfälische Frieden, Münster 1972.

Gudlaugsson 1976
Sturla Gudlaugsson, Gerard ter Borch d. J., in: Hermain Bazin u.a. (Hgg.), Kindlers Malerei Lexikon, München 1976, Bd. 2, S. 56-63.

Kettering 1998
Alison Kettering, Gerard ter Borchs „Beschwörung der Ratifikation des Friedens von Münster“ als Historienbild, in: Klaus Bußmann und Heinz Schilling (Hgg.), 1648. Krieg und Frieden in Europa, Münster 1998, Bd. 2, S. 605-614.


[1] Die Provinzen Seeland und Utrecht waren erbitterte Gegner der Unabhängigkeitsbestrebungen und es kam noch bis kurz vor der Ratifikation des Friedensvertrages zu heftigen Protesten der beiden Provinzen.
[2] Vgl. Kettering 1998, S. 605.
[3] Vgl. Dickmann 1972, S. 468.
[4] Vgl. ebd.
[5] Vgl. Kettering 1998, S. 606.
[6] Vgl. Dickmann 1972, S. 469.
[7] Vgl. ebd.
[8] Vgl. Kettering 1998, S. 606.
[9] Vgl. Gudlaugsson 1976, S. 58.
[10] Vgl. Kettering 1998, S. 610.
[11] Vgl. ebd.
[12] Vgl. ebd., S. 610/ 611.
[13] Vgl. ebd., S. 611.
[14] Vgl. ebd.
[15] Vgl. ebd.
[16] Vgl. ebd.
[17] Vgl. ebd.
[18] Vgl. ebd., S. 612.